Von Wolf Donner

Nach fast zwanzig Jahren sind wir alle gute Fernseher geworden. Wir haben die Bildersprache des neuen Mediums erlernt. Längst organisieren wir die tägliche Bilderflut automatisch und unbewußt, haben wir gelernt, optisch zu folgern, Bild und Ton zu einem schlüssigen Gesamteindruck zu kombinieren, Zeichen und Signale zu deuten – haben wir uns häuslich eingerichtet in einem festen Regelsystem der Rezeption, das als genormte, unseren Vorlieben und Ansichten entsprechend selektive, im übrigen nahezu passive Reaktion funktioniert.

Aber gerade diese Vertrautheit mit dem täglichen Angebot von Sendungen und dieses perfekte Assoziationsvermögen sind unsere Gefahr und zugleich die Chance der Macher, denen wir doch auf die Finger sehen wollen. Wir folgern und assoziieren „richtig“, nämlich wie gewohnt und wie beabsichtigt. Und das ist falsch, ist eine dumpfe, beliebig manipulierbare Konsumentenhaltung.

Wir denken: Ach, der Moderator A von der Sendung B, statt uns zu fragen, warum er den vorhergegangenen Beitrag verharmlost und durch seine Zusätze in eine andere Richtung drängt; wir erkennen die bekannten Figuren einer Serie und machen uns nicht klar, in welchem Maße sie in jeder neuen Folge Vorurteile und Klischeevorstellungen sanktionieren (und Ideologie mit Etiketten wie „Unterhaltung“, „Abenteuer“ oder „für die Familie“ verpacken); wir sehen und hören Rainer Barzel drei energische Sätze sagen und achten nicht darauf, daß die Kamera ihn nur aus der demütigen Froschperspektive oder nur aus ehrerbietiger Distanz und mit seinem Stab und eifrigen Reportern umgeben filmt, so daß er uns noch imposanter und zu Höherem berufen erscheint. Wir achten nicht darauf, aber das Bild und seine geheime Botschaft prägen sich uns ein.

Unkritisch im beschriebenen Sinn verfährt auch das Gros der Fernsehkritiker, von wenigen Ausnahmen oder Organen (etwa dem in Köln herausgegebenen Nachrichtendienst Funk-Korrespondenz oder der Zeitschrift Fernsehen und Film) abgesehen. Entweder hält sich der Rezensent an den Inhalt und spricht über eine Sendung wie über ein Ereignis, an dem er teilgenommen hat und das er erzählen will, oder er setzt sich unabhängig von der Art der Präsentation mit den Thesen oder einem Teilaspekt einer Sendung auseinander, als habe er sie im Radio gehört, sie als Buch oder Artikel gelesen. Schließlich gibt es den Kritiker mit einem imaginären Plüschvorhang vor dem Bildschirm: Er verfügt über einen festen Kanon für die Kunstbetrachtung und urteilt, als hätte er einer Festaufführung im Theater beigewohnt und nicht durch einen Knopfdruck sich in ein laufendes beliebiges Programm eingeschaltet.

Die Fernsehkritik fragt zu selten nach formalen und technischen Usancen im Zusammenhang mit einem Inhalt; sie orientiert sich zu ausschließlich an Stoffen und Themen und zu wenig daran, wie das Medium mit diesen Stoffen umgeht. Eine bessere Fernsehrezeption und -rezension wäre diejenige, die dreierlei zugleich berücksichtigte: erstens den Inhalt, die Thesen und Argumente der Sendung, das gesamte angebotene Material; zweitens die Sprache, von der Ansage und einer eventuellen Zwischenmoderation bis zum Kommentar und dem Bild-Ton-Verhältnis; drittens schließlich das optische Vokabular, die angewandten technischen Mittel, das, was Friedrich Kniiii das „Signalsystem Film“ nennt. Die Kombination dieser drei Betrachtungsweisen, der sach-, sprach- und filmkritischen, hieße, eine aufmerksamere Konzeption, Produktion und Rezeption von Fernsehsendungen zu forcieren und Fernsehkritik als Ideologiekritik zu betreiben.

Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang dem Ideologiebegriff kurz nachzugehen. Seine klassische Bedeutung haben Marx und Engels entwickelt, indem sie, an Momente der idealistischen Philosophie anknüpfend, eine erkenntnistheoretische und soziologische Analyse des bürgerlichen Bewußtseins vornahmen. Ideologie meint bei ihnen das falsche Bewußtsein, die durch materielle Verhältnisse bedingte und getrübte Vorstellungswelt einer gesellschaftlichen Schicht, die Selbsttäuschung einer Klasse über sich und ihre Funktion: die „Ideologie der Bourgeoisie“.