Zweimal Kunst in Büchern und Galerien Comics, Comiciasten und Comicologen
Eine Gattung wird salonfähig Von Horst Künnemann
Die Comics Szene weitet sich von Monat zu Monat. Wer noch vor kurzem meinte, an deutschen Kiosken einen relativ repräsentativen Querschnitt des internationalen Angebots zu finden, wird spätestens seit der großen ComicsAusstellung im Hamburger. Kunsthaus (vom 23. Juni bis 25. Juli 1971) und durch neuere Publikationen über das wiederentdeckte Massenmedium eines Besseren belehrt. Was unser aktuelles Marktangebot erkennen läßt, ist bestenfalls die Spitze eines gigantischen EisbergesUnd eine weitere, vielleicht banale, jedoch in Deutschland immer noch notwendige Erkenntnis: Comics sind nicht gleich Comics. Es gibt von dieser populären Massen- und „Volks" Kunst höchst originelle, unverwechselbare und geniale Beispiele; es gibt banale, abgegriffene, mediokre und klischierte Serien — getreues Spiegelbild im Reichtum der Möglichkeiten, wie sie benachbarte Medien der Literatur, des Films, der bildenden Künste, der Plakatwelt bereithalten, nur auf volkstümlicherer und damit auch breiten Massen zugänglicher Ebene.
Langsam beginnen wir in Deutschland den erheblichen Informationsvorsprung des westlichen Auslandes auf dem Comics Feld aufzuholen. Dem emotionalen Wutschrei der fünfziger und frühen sechziger Jahre, vornehmlich durch Kulturkritiker und Pädagogen meist unreflektiert und von wenig Sachkenntnis getrübt ausgestoßen, ist eine nüchternere, rationalere Sichtung der Materie gefolgt. Dieser Gesinnungswandel läßt sich gut in einem Sammelwerk überprüfen: „Bibliographie der internationalen Literatur über Comics", von Wolfgang Kempkes; Verlag Dokumentation, München; 200 S, Abb , 28 — DM Hier sind die meisten deutschsprachigen Äußerungen zum Thema vereint, konfrontiert mit den wichtigsten amerikanischen, englischen und französischen Studien. Und hier wird abermals ersichtlich, daß die soziologische, die psychologische und pädagogische Analyse des Phänomens im Ausland mit mehr. Gründlichkeit und wissenschaftlicher Anstrengung unternommen wurde. Dennoch sind die Comics inzwischen auch bei uns salonfähig geworden, und selbst reservierte Museumsdirektoren riskieren es nicht mehr, ihnen naserümpfend die Tür zu versperren. Auch bei uns beginnen sich die Comic Fans zu formieren, und in den neu entstehenden deutschsprachigen Nachschlagewerken wird in den nächsten Jahren bestimmt der neue Terminus „Comicologe" oder „Comiciast" zu finden sein. Waren die Ursprünge der Bildergeschichten in Bilderbogen und Bilderromanen im vergangenen Jahrhundert vornehmlich an den „Mann von der Straße" adressiert, so gehört es heute längst bei den Pennälern der Abschlußklassen und den Studikern aller Semester zum guten Ton, mit „Mickey Mouse", besser noch „Donald Ducks Abenteuern" oder den letzten Titel der „Peanuts" Geschichten um Charley Brown, das Biest Lucy und den verrückten Hund Snoopy vertraut zu sein, ganz zu schweigen von den Fahrten, Kämpfen und Schlachten der Erfolgs Gallier „Asterix und Obelix".
Das alles ist natürlich nicht frei von modischer Vergänglichkeit, doch wird es auf dem Terrain seriös sich gebender Analyse aus wissenschaftlicher Schreibe abgestützt Über Comics informiert zu sein, ist gleichbedeutend mit „in", und kostspielige Betrachtungen liefern auch dem naiveren Betrachter und Konsumenten das zutreffende Alibi, dem „Zeitgeist" auf der Spur zu bleiben. „Vom Geist derSuperhelden — ComicStrips"; Schriftenreihe der Akademie der Künste, Band 8, Gebr. Mann Verlag, Berlin; 111 S, Abb , 22 50 DM enthält die Vortragstexte und einige Diskussionsbeiträge, die anläßlich des vorjährigen Berliner Colloquiums zur Theorie der Bildergeschichte gehalten wurden. Geschichte, Kunsthistorie, Semantik, Soziologie und Psychoanalyse melden hier ihr Votum pro und contra zu einem bei uns erst in den Anfängen der Erkenntnis steckenden Massenphänomen. Der reichliche Bildteil bietet dem Besitzer des Ausstellungskataloges nichts Neues. Er wurde bis auf wenige Änderungen in den stabileren Band übernommen.
Auf den neuesten Stand der Einsichten wird der Interessent schließlich durch die neueste Publikation zu dem Thema versetzt — Wolf gang J. FuchsReinhold C. Reitberger: „Comics" — Anatomie eines Massenmediums; Moos Verlag, München; 264 S, Abb und eine Schallfolie mit Beispielen aus Rundfunk Comics, 38 — DM Dies ist ein wirklich ergiebiger „Reader" in sympathischem Großformat von 24X28 5 Zentimeter. Wer auf Fakten erpicht ist, erhält sie in Fülle. Die beiden Autoren, der eine Amerikanist, der andere Zeitungswissenschaftler, packen ihr Thema mit Vehemenz und Kenntnisreichtum zugleich an. Der Leser wird mit dem mannigfaltigen Genre vertraut gemacht, seinen Spielarten, seiner Produktion und seinem Vertrieb. Namen, Daten und Entwicklungen sind bis zum Frühjahr und Sommer 1971 aufgearbeitet; Bibliographie, Zeittafel, Anmerkungen und Register leisten mehr als die meisten der neueren umfassenden Arbeiten zum Thema Gomics".
Um nicht im akademischen Höhenflug in Dimensionen zu entschweben, die nicht unbedingt die Spielwiese der „Comics" sind, sei kurz der Blick auf zwei Bereiche geworfen, die erst in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewannen: auf die Politik und die Sexualität. Beide scheinen gegenwärtig im Sinne emanzipatorischen Verhaltens voneinander untrennbar zu sein. Sexuelle Befreiung wird zum Akt politischer Selbstverwirklichung. Das scheint die beherrschende Tendenz der „Radical America Comix"; Melzer Verlag, Frankfurt; 100 S, Abb, 10 — DM Diese Sammlung von „underground" Strips und „Anti Comics" deklariert sich bewußt als „extrem jugendgefährdend" und erhöht sich natürlich durch diese Wertung im Grade der Verkäuflichkeit. Hier wird bewußt vulgär und hemmungslos bis zur lustvoll bejahten Anarchie dies verzeichnet, was dem „American Way of Life" bis 1968 lieb und wert erschien. Zu den mehr oder minder harmlosen „Kid strips" und „Family strips" der vergangenen Jahrzehnte läßt, sich kein brutalerer Kontrast denken! Der Erwachsene wird in Bewußtseinsprozesse gezogen, die noch vor wenigen Jahren undenkbar erschienen. Auch hier erweist das Bildmedium, daß es schlagartig und besser als viele Worte Situationen anstrahlt, sie kritisch durchdringt — Schockwirkungen auslöst.
Das gilt zuletzt auch für den Bereich der Sexualität. Auch hier war Amerika seit den dreißiger Jahren führend, nur hatte man davon in der alten Welt weder Ahnung noch Kenntnis. So liefern Sammelbände und einzelne „Comic Books" auch auf diesem Feld verspätete Aufklärung, wie zum Beispiel:
„Comic Strip Tease — Sex und Porno im Comic Strip", Vorwort von Günther Amendt; Melzer Verlag, Frankfurt, 100 S, 10 — DM. Gerade diesem eher düsteren Seitenzweig der Comic Art wurde und wird bis zum Monatsende eine Sonderschau im Rahmen der Hamburger Kunsthaus Ausstellung gewidmet. Der 106 Seiten starke Katalog (wie die Extraabteilung nur Menschen ab 18 Jahren zugänglich) zieht in mehr als 100 Abbildungen die bisherige Bilanz dieser ungebärdigen Entwicklung:
- Datum 16.07.1971 - 07:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 16.7.1971 Nr. 29
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



