Killer Nummer eins

Das wichtigste Problem bei einer Betracitung der Verhältnisse von law and order h den Vereinigten Staaten ist nach wie vor das Rauschfiftproblem. Mehr als die Hälfte der Vermcgensriminalität, und die macht rund zwei Drittel der Gesamtkriminalität in den USA aus, ist auf Rauschgifte zurückzuführen. Ein Heroinsüntiger benötigt wöchentlich zehn bis zwanzig Spritzen. Da er nicht auf legalem Wege in den Besitz des Stoffes gelangen kann, muß er versuchen, ihn illegal zu erhalten. Er muß dann zum Beispiel Sachen im Werte von 150 Dollar stehlen, un von deren Erlös von erfahrungsgemäß 50 Dollar den benötigten Stoff bezahlen zu können.

In New York hatte es schon zur Jahrhundertwende rund hunderttausend Heroinsibhtige gegeben; ihre Zahl ging dann zurück und ist seit 1955 bis zur heutigen Höhe von wieder hunderttausend gestiegen.

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Seit 1963 wurde in einigen Hospitälern in New York versucht, Heroinsüchtigen Methadon zu verabreichen. Man ging von dem Gedanken aus, daß man die Süchtigen doch nicht heilen, sie aber auf eine andere Droge umstellen känne, und zwar auf eine weniger gefährliche. Diese Versuche, wie auch andere, mit psychotherapeutischen Mitteln zu helfen, blieben damals erfolglos. An Stelle von Methodoniam läßt die Gesundheitsbehörde nun Naloxone und Lyclazocine, die keine Nebenwirkung haben, verabreichen. Die Wirkung dieser „Ersatzdrogen hält abei nur vier bis sechs Stunden an, nicht lange genug, um die Süchtigen zu veranlassen, sich in den dafür vorgesehenen Krankenhäusern behandeln zu lassen.

Ein Experte der Gesundheitsbehörde schlug nun vor, den Heroinsüchtigen auch weiterhin, jetzt- aber unter amtlicher ärztlicher Auisicht, Heroin zu geben. Das würde zugleich die Heroinhändler arbeitslos machen; die Übel der Rauschgiftkriminalität würden an der Wurzel bekämpft. Dieser Vorschlag ist nicht ganz neu, wurde jetzt aber vom Narcotics ControlCouncil aufgegriffen. Natürlich überwiegen zur Zeit noch die Gegner dieses Planes; sie berufen sich auf die nicht wegzuleugnende Illegalität dieses Vorhabens und befürchten den ersten Schritt zur Legalisierung von Heroin. Ein Mitglied des Councils zog den Vergleich mit dem Whiskey, den man den Indianern verabreicht hatte. Andere Opponenten wähnten die Mafia hinter diesen Plänen. New Yorks Bürgermeister Lindsay sagte „jein"; er sprach sich für einen Versuch aus. In Harlem soll man inzwischen 500 der insgesamt 100 000 New Yorker Heroinsüchtigen für den Versuch ausgewählt haben, und zwar ausschließlich Farbige. Die Ärzte in der New Yorker Gesundheitsbehörde sprachen immer wieder von der Schwierigkeit, die Süchtigen überhaupt zu behandeln: Sie wollen kein normales Leben mehr führen und lehnen daher jede Hilfe ab. Neuerdings spielt die psychotherapeutische Behandlung wieder eine Rolle. Man verfährt nach einem drogenfreien Programm und bildet Gruppen. Im Zuge dieser Gruppentherapie werden Beratungen und Hilfen, besonders auch von ehemalig Süchtigen gegeben. Das gilt auch für die Behandlung Jugendlicher, die in dafür hergerichteten Jugendzentren, in denen sie auch Schulunterricht erhalten, versorgt werden. Freilich steigen viele Süchtige aus dieser Therapie wieder aus.

Für die Haushaltsjahre 197071 ist in New York für die Rauschgiftbekämpfung (ohne Polizei- und Justizkosten) ein Betrag von 80 6 Millionen Dollar vorgesehen, an dem sich der Staat New York mit 60 Millionen und die Regierung mit 9 1 Millionen beteiligen. 11 4 Millionen Dollar muß somit die restlos verarmte Stadt aufbringen; aber dieser Aufwand zahlt sich aus, wie mir die zuständigen Sachverständigen versicherten.

Nach Meinung der Fachleute ist Heroin „Killer Nummer eins". 1960 gab es in New York 199 Rauschgifttote, 1969 waren es 1031, 1970 1170; und bis zum 8. Mai dieses Jahres sind bereits 343 durch Rauschgift gestorben. Neunzig Prozent der an Rauschgift Gestorbenen in New York waren zu Lebzeiten heroinsüchtig. Von ihnen waren achtzig Prozent durch die Einnahme von Überdosen, zehn Prozent durch die von Appetitzüglern und zehn Prozent durch mittelbare Folgen von Rauschgiftmißbrauch gestorben. Die Hälfte der Toten war jünger als 23 Jahre. Unmittelbar oder mittelbar ist Rauschgiftmißbrauch die hauptsächlichste Todesursache der Fünfzehnbis 35jährigen in New York. Die neuesten Zahlen, jeweils für April und Mai, den „Monaten der Straßenkontakte", erwecken keinen Optimismus: Bei diesen Zahlen hat man schon Verständnis dafür, daß der Plan, Heroin in Kliniken auszugeben trotz der verschiedenen Bedenken realisiert werden soll.

Erfreulicherweise berichten in New York die Massenmedien sehr nüchtern über narcotics and sich, genaue Angaben über den Umfang des Rauschgiftmißbrauchs zu erhalten. Es besteht eine Anzeigepflicht; trotzdem gibt es viele Schwierigkeiten. Beamte erzählten mir, daß sich die New Yorker Schulbehörde geweigert habe, entsprechende Angaben zu machen. Um solchen Widerstand zu brechen, läuft eine Überzeugungskampagne, wirksam unterstützt durch Presse, Rundfunk und Fernsehen. Von den, geschätzt, 100 000 Süchtigen in New York hat die Gesundheitsbehörde schon 38 000 in ihrem Spezialregister erfaßt. Die Höhe der Konsumenten von wer kennt schon die Dunkelziffer.

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