Von Petra Kipphoff

Vom Fest der Heiterkeit sprechen die Offiziellen, wenn es gilt, Olympia ’72 in München zu charakterisieren. Von den Tränen, die beim Fest der Heiterkeit dann fließen werden, werden uns die Sportreporter zu berichten wissen. Aber auch heute, ein Jahr vor der Eröffnung der Spiele, wird im Vorprogramm der Olympiade bereits allerlei geboten, von dem man nicht so ganz weiß, ob es nun Anlaß für olympische Heiterkeit oder olympische Tränen sein soll.

„Der Gedanke Pierre de Coubertins“, so schrieb Herbert Hohenemser, Kulturreferent der Stadt München und Vorsitzender des Olympia-Kunstausschusses, im vom Organisationskomitee herausgegebenen Bulletin, „bei Olympischen Spielen Sport mit Kunst zu vereinen, verdient Respekt, ja Bewunderung. Daß er sich bisher nie ganz überzeugend verwirklichen ließ, beweist nur, daß man noch nicht die richtige Form dafür gefunden hat.“ Was aber ist die richtige Form? Mögen Trainer und Aktive noch über ihren Medaillen-Hochrechnungen brüten beziehungsweise im dunkeln stochern, das Spiel mit der Kunst ist gelaufen, ein Jahr vor Beginn läßt sich notieren, daß der Gedanke, Sport mit Kunst zu vereinen, auch weiterhin Respekt verdient und in München nur bewiesen wurde, daß man noch nicht die richtige Form dafür gefunden hat.

Die Rede ist hier nicht von Ausstellungen, Musik- und Theaterabenden, nicht von Veranstaltungen, die im nächsten Jahr den Feierabend der von Veranstaltungen Erschöpften verschönen sollen. Die Rede ist von der Kunst und von der Olympiade im engsten Sinne, von der sogenannten bildenden Kunst, die auf dem fast drei Millionen Quadratmeter großen Gelände am Oberwiesenfeld ein sichtbarer Bestandteil der Olympischen Spiele sein sollte. Dieser Teil der Spiele nun wird weitgehend nicht stattfinden. Oder, positiv formuliert: Der Kunst-Etat zeichnet sich dadurch aus, daß er gewiß nicht überschritten wird. Die Frage lautet, im Gegenteil: Wohin mit den acht Millionen, die im Sinne jener kulturbewußten Maxime, die als Zwei-Prozent-Kunstam-Bau-Klausel zu Ruhm und Ehren gelangte, für das Olympiagelände geplant waren? Die Zahl der Projekte, die erfolgreich im Sande verliefen oder mit Aplomb abgeschmettert wurden, ist nämlich inzwischen erheblich größer als die Zahl derer, die mit einer olympischen Zukunft rechnen dürfen.

Im Sande verlaufen sind drei Wettbewerbe, die die Eingangsbereiche zum Olympiagelände betrafen: die eingereichten Entwürfe und Vorschläge fielen so mager aus, daß nichts davon realisiert wird. Zwei weitere Wettbewerbe, das olympische Dorf betreffend, sind noch nicht entschieden. Einzig der Wettbewerb um das Gebiet der Hochschulsportanlage ging positiv aus: Otto Piene und Thomas Lenk machten das Rennen mit ihren bewährten Markenartikeln: einer Schicht-Plastik und einem in einem Stahlgerüst hängenden „Lichtsatelliten“. Erwartet wird weiter ein Entwurf für die Schwimmhalle von Andy Warhol, ein Silberwolken-Projekt von Heinz Mack schwebt noch am Himmel der planenden Ungewißheit, sicher rechnen auf der festen Erde jedoch darf man mit ein paar Kleinplastiken, einigen Wandteppichen und dem Nachguß eines antiken Diskuswerfers. Besonders für diese letzten Programmpunkte votierte jedenfalls der Bauausschuß der Olympia-Baugesellschaft in der vergangenen Woche auf jener denkwürdigen Sitzung, die ihm so unerwartet große publizistische Aufmerksamkeit eintrug, nicht der positiven Entscheidungen wegen, sondern weil auf dieser Sitzung zwei Projekte von wahrhaft olympischen Dimensionen abgelehnt wurden.

Es ging da zum einen um eine „Erdskulptur“ des amerikanischen Land-Art-Künstlers Walter de Maria, von ihm selber als „Friedensdenkmal“, von den Münchnern als „Denkloch“ bezeichnet. Dieser Schacht, 120 Meter tief in einen aus Münchner Kriegstrümmern aufgeschütteten und inzwischen mit Nachkriegsgrün bewachsenen Hügel gebohrt, war als unsichtbarer, eine darauf placierte Bronzeplatte von drei Metern Durchmesser als sichtbarer Teil der Skulptur gedacht. Die Bronzeplatte, Betreten erwünscht, sollte, so de Maria in den Erläuterungen zu seinem Projekt, „das Denken und die Haltung der Menschen ändern .. ., sie verlangt nicht, wie andere Kunst, daß die Menschen sie betrachten. Sie sollte statt dessen mehr eine Stelle sein mit besonderer Spannung, wo die Menschen sich selbst betrachten“. Kosten des vom Künstler als ein Stück „Minimal-Conceptual-Earthart“-Kunst bezeichneten Werkes: 1,5 Millionen Mark.

Das zweite von der OBG verworfene Projekt stammt von dem Team Goeritz, Ciarenbach, Claus und betraf das Gesamtbild der Olympiastadt, nicht das Veranstaltungsgelände selbst. An fünf Münchner Hauptzufahrtswegen sollten jeweils fünf keilförmige, oben abgeschrägte Betonelemente aufgestellt werden, ihrerseits gestaffelt in Höhen zwischen neun und 45 Metern. Das sich in seine Randgebiete zerfasernde München sollte so zusammengehalten und dem München-Besucher als erstes ein optisch starkes Signet, eine Paraphrase der Olympia-Spirale ins Auge fallen. Kosten dieses Projekts, das manchem für die „Olympiade ohne Pathos“ zu monumental, manchem nicht mehr jungfräulich genug erschien (bereits für die Spiele in Mexiko schuf Mathias Goeritz ähnliche Monumente): 2,2 Millionen Mark.