Arrabals Abrechnung
Der Film „Viva la lauerte“
Fünfzig Jahre nach Buñuels „L’Age d’Or“ und „Un Chien Andalou“ hat sein Landsmann Fernando Arrabal mit dem Film „Viva la muerte“ wieder eine Kampfansage an sein Heimatland gerichtet und dabei seinen Vorgänger um einiges an Aufwand, Symbolik und surrealistischer Exzentrik übertroffen. Grundlage des Films ist Arrabals autobiographischer Roman „Baal Babylon“: Erinnerungen und Visionen einer Kindheit in Spanien, bestimmt durch Brutalität, Okkultismus, Bürgerkrieg, iberischen Katholizismus, verklemmte schwüle Sexualität, durch eine pathologische Mutterbindung und die Sehnsucht nach einem Vater, den er kaum kannte.
Die Mutter, streng katholisch und patriotisch, hatte den „Roten“ und Atheisten denunziert – in den Träumen und überhitzten Phantasien des jungen Fando (gleich Fernando!) wird sie zur Furie, zu einer makabren Priesterin mit dem Messer im Mund, die seinen Vater in lasziven, sadistischen, von sexueller Raserei bis zum Blutrausch inspirierten Exzessen und Ritualen foltert, quält und vielfach tötet.
Es ist ein Film der Abrechnung, der Wut, des Hasses, der Verzweiflung, des Schmerzes; voller Orgien der Geilheit und der Perversion, der Barbarei und der Blasphemie. Zu Recht hat man Arrabal jedoch vorgeworfen, daß er nicht nur versucht, der Bestialität eines faschistischen Regimes mit seiner Ästhetik des Ekels, des Blutes, der Erotik und der Grausamkeit beizukommen (was noch legitim wäre), sondern daß er immer auch seine persönlichen Obsessionen in einen historisch-politischen Kontext bringt; daß er, wie er selber sagt, den Film „in Trance“ statt mit etwas mehr kritischer Distanz drehte. Aber wahrscheinlich hieße das im Falle Arrabal, von einem Mystiker zu fordern, er solle sich an die Erkennte nisse der Naturwissenschaft halten.
Eine Vision von der Erschießung Lorcas, dem eine Schar nackter Knaben die letzte Ehre erweist; Ausgeburten eines alten Kastrationskomplexes, etwa eine Szene, in der Jungen einem Priester die Hoden ausreißen und sie ihm in den Mund stecken, oder eine andere, in der die übersinnliche Tante sich von Fando peitschen läßt und ihm im Orgasmus schreiend zwischen die Beine fährt; an Tieren ausgelassene Aggressionen der Kinder, Selbstkasteiungen, eine wuchernde Sakral- und Fäkalsymbolik, Bilder eines fanatischen Anti-Klerikalismus – in all dem liegt viel Wahrheit und persönliches Erleben, zugleich aber hat es einen Beigeschmack von Kunstgewerbe und aufbereiteter Exotik, fasziniert es und stößt ab.
Der Film, in Tunesien gedreht, in Frankreich verboten, auf vielen Festivals erfolgreich gelaufen, soll in die deutschen Kinos kommen und hat, wie könnte es anders sein, Schwierigkeiten bei der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK). Daß jedoch unsere biederen Tugendwächter in ihrer Unsicherheit vorerst ihre Abneigung gegen den Titel des Films richten, ist besonders lustig und grotesk. „Viva la muerte“ (Hoch lebe der Tod) ist der Schlachtruf der faschistischen Falange gewesen, die sich einen Teufel darum geschert hat, ob diese drei Worte, wie die Zensoren in Wiesbaden meinen, „eine unzumutbare Form im Hinblick auf den Tod“ Waren oder nicht. Wäre der Filmtitel vielleicht akzeptiert worden, wenn die Falange damals ihre Massenmorde und Vergeltungsaktionen mit dem Ruf „Es lebe Spanien!“ oder „Im Namen des Herrn!“ begleitet hätte?
Wolf Donner





