„Haut se, haut se...“

Der Betrugsskandal in der Bundesliga wird selbstverständlich in der DDR-Presse ideologisch auf Hochglanz getrimmt. In der „FUWO“ der DDR heißt es: „Eindeutig überführt sind ganz andere Leute, ist jene überholte Gesellschaftsordnung!“ So einfach ist Ideologie. Dabei steht die Sportpresse der DDR in Streßsituation. Tausende Leserbriefe überschwemmen die Redaktionen: „Bekommen wir DDR-Bürger auch Karten für Olympia 1972 in München?“ Darauf hat dann ein gewisser Dieter Wales in der „FUWO“ 28 die richtige Antwort schon bereit: „In München, wo im kommenden Jahr unter anderen die Gewichtheber ihre Lasten zur Hochstrecke bringen wollen, gingen die Revanchisten erneut daran, Europas Grenzen aus den Angeln heben zu wollen.“ Wer wollte da schon nach München?

Dabei hat die DDR ebenfalls ihre Fußballprobleme. In der „FUWO“ wurde wochenlang massiv auf die jugendlichen Randalierer gewettert. Der neue Schlachtruf der DDR-Fußballfans hat das Parteivolk der SED vergrämt. Sie brüllen: „Haut se, haut se – haut se auf die Schnauze!“ Schriftsteller Bruno Apitz (Nackt unter Wölfen) nimmt dazu in der „FUWO“ wie folgt Stellung: „Die das schreien, wissen wahrscheinlich nicht, daß es original faschistischer Jargon ist. Deshalb muß man ihnen begreiflich machen, daß sie mit derart rüden Sprüchen in die Zeit des Faschismus zurückfallen. Das kann nicht geduldet werden. Hier hat der Stadionsprecher in jedem Fall einzugreifen.“

Anzeige

Freilich, die Sitten auf allen Fußballplätzen der Welt sind nicht mehr gemütvoll-heiter, aber naiv ist dann der Vorschlag des Barden der SED: „Die Kameramänner des Fernsehens müßten besonders eindrucksvolle Typen der Tuter und Eierkoppschreier in Großaufnahme vorstellen, und der Stadionsprecher müßte die Porträts entsprechend kommentieren...“

Aber resignierend schließt der Diskussionsschreiben: „Es wird ein langer Prozeß der Selbstreinigung sein. Doch muß er unerbittlich fortgesetzt werden, bis es eines Tages gelungen sein wird, auch die Reste der Randalierer zur Vernunft gebracht zu haben.“ Das sieghafte Pathos ist also auf Grund „extremer gesellschaftlicher Bedingungen“ – baden – gegangen.

Karl Wagner

 
Service