Von Karl R. Popper

Claus Grossner, der im letzten Jahr für die ZEIT eine große Serie über die deutschen Philosophen der Gegenwart schrieb, veröffentlicht jetzt in einem neuen ZEIT-Buch („Verfall der Philosophie“, Christian Wegner Verlag, 340 S., 18,– DM) auch einige der Materialien für seine Untersuchung. Darunter ist der folgende (hier gekürzte) Brief des in England lebenden liberalen Philosophen Karl R. Popper, der im Ausland längst als führender Wissenschaftstheoretiker anerkannt ist, dessen Werke aber in Deutschland gerade erst bekannt und diskutiert werden.

Aus meiner sozialistischen Jugendzeit habe ich viele Ideen und Ideale ins Alter gerettet. Insbesondere: Jeder Intellektuelle hat eine ganz spezielle Verantwortung. Er hat das Privileg und die Gelegenheit, zu studieren. Dafür schuldet er es seinen Mitmenschen (oder „der Gesellschaft“), die Ergebnisse seines Studiums in der einfachsten und klarsten und bescheidensten Form darzustellen. Das Schlimmste – die Sünde gegen den heiligen Geist – ist, wenn die Intellektuellen es versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als große Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.

Während des Philosophenkongresses in Wien (1968) wurde ich zu zwei Fernsehdiskussionen unter Philosophen eingeladen, und bei einer fand ich zu meiner Überraschung auch Bloch vor. Es kam zu einigen unbedeutenden Zusammenstößen. (Ich sagte, wahrheitsgemäß, daß ich zu dumm bin, um seine Ausdrucksweise zu verstehen.) Am Schluß der Diskussion bat uns der Gesprächsleiter, Dr. Wolf gang Kraus: „Bitte sagen Sie in einem Satz, was Ihrer Meinung nach am meisten not tut.“ Ich war der einzige, der kurz antwortete. Meine Antwort war: „Etwas mehr intellektuelle Bescheidenheit.“

Ich bin ein Antimarxist und ein Liberaler. Aber ich gebe zu, daß Marx und auch Lenin einfach und direkt schrieben. Was die zum Schwulst der Neodialektiker gesagt hätten? Sie hätten härtere Worte als „Schwulst“ gefunden.

Meine These, daß wir nichts wissen, ist ernst gemeint. Es ist wichtig, unsere Unwissenheit nie zu vergessen. Wir dürfen daher nie vorgeben, zu wissen, und wir dürfen nie große Worte gebrauchen.

Was ich die Sünde gegen den heiligen Geist genannt habe – die Anmaßung des dreiviertel Gebildeten –, das ist das Phrasendreschen, das Vorgeben einer Weisheit, die wir nicht besitzen. Das Kochrezept ist: Tautologien und Trivialitäten gewürzt mit paradoxem Unsinn. Ein anderes Kochrezept ist: Schreibe schwer verständlichen Schwulst und füge von Zeit zu Zeit Trivialititen hinzu. Das schmeckt dem Leser, der geschmeichelt ist, in einem so „tiefen“ Buch Gedanken zu finden, die er schon selbst einmal gedacht hat. (Wie heute jeder sehen kann – des Kaisers neue Kleider machen Mode!)