Mit einer bemerkenswerten Bereitwilligkeit hat Picasso der Öffentlichkeit jederzeit Einblick in sein Privatleben gestattet. Das Interesse des Publikums an seiner Intimsphäre hat ihn offenbar belustigt, jedenfalls hat er es nach Kräften gefördert. Picasso in der Badewanne, Picasso am Strand, Picasso im Schaukelstuhl: man kennt die Photos. Man kennt die Frauen, mit denen er gelebt hat, man kennt die Kinder, die er gezeugt hat. Und wer das nicht kennt, der kann es in jeder Illustrierten nachlesen.

Ebenso bemerkenswert ist seine Schweigsamkeit, was die eigene Arbeit betrifft. Es existieren weder Tagebücher noch Briefe. Die Interviews, die er dann und wann gegeben hat, liegen lange zurück. Und wenn man sie liest, hat man den Eindruck, als ob Picasso die Reporter mit ein paar reizenden Bonmots abspeisen wollte, die dann weltweit die Runde machen und von den Autoren, die über Picasso schreiben, je nach Bedarf zitiert werden.

Picasso hat seine Befrager listig an der Nase herumgeführt, nie hat er sich auf einen Standort festnageln lassen. Er hat sowohl für wie gegen die Akademie, für und gegen die Tradition, für und gegen politisches Engagement plädiert, und selbst seine meistzitierte Sentenz „Ich suche nicht, ich finde“ entzieht sich jeder seriösen Diskussion, schwebt als schillernde Seifenblase im Raum.

Was Picasso wirklich von solchen Befragungen hält, kann man bei Kahnweiler nachlesen. Einem neugierigen Maler habe Picasso geantwortet: „Jede Unterhaltung mit dem Piloten ist streng verboten.“ Kahnweiler selber hat sich nicht an dies Verbot gehalten. Er hat, wie andere Picasso-Freunde, seine Unterhaltungen mit Picasso notiert und veröffentlicht, wichtiges Material, soweit Picassos Lebensumstände und Gewohnheiten in Betracht kommen, aber spärlich, was die künstlerische Produktion betrifft. Da geht es vorwiegend um Kahnweilers Theorien über die Entstehung des Kubismus, die von Picasso eher ironisch kommentiert und modifiziert werden. Sie diskutieren über die „Demoiselles d’Avignon“‚ die laut Kahnweiler den Beginn des Kubismus signalisieren. Picasso: vielleicht; ich habe, wenn Sie es genau wissen wollen, eine Bordellszene gemalt, eine imaginäre Szene, mit den Frauen aus meiner Bekanntschaft und einem Matrosen, der da hineingeriet.

In diesem Gespräch über die „Demoiselles d‘Avignon“,mit denen der junge Kahnweiler seine geschäftliche Karriere begründete, wird gewiß keine wissenschaftliche Kontroverse ausgetragen. Leicht hätten sich die beiden Freunde einigen können: Das fragliche Gemälde ist eine kubistische Bordellszene. Trotzdem ist das freundschaftliche Geplänkel über ein Ereignis, das damals schon mehr als fünfzig Jahre zurücklag, enorm aufschlußreich, für beide Partner. Der eine redet von Form und Stil, der andere vom Inhalt. Der eine bringt Theorien ins Spiel, der andere stellt sie in Frage.

Picasso hat sich nie für Theorien interessiert. Man kann das als eine Schwäche, als intellektuelle Bequemlichkeit oder als seine Stärke, das Primat der Intuition interpretieren, aber man muß diese Gleichgültigkeit gegenüber der Theorie als ein Faktum zur Kenntnis nehmen, das bei einem Künstler seines Ranges ganz ungewöhnlich ist, das ihn von seinen großen Kollegen fundamental unterscheidet. Matisse und Braque, Kandinsky, Klee, auch Beckmann haben Theorien aufgestellt, haben Bücher geschrieben, Vorträge gehalten, sie waren Lehrer, Professoren, haben ihre Einsichten und Erkenntnisse an ihre Schüler weitergegeben. Nur Picasso hat nichts dergleichen getan. Und möglicherweise ist dieses auffällige Desinteresse an der Theorie ein Grund für seine Schweigsamkeit über die eigene Arbeit.

Um so eifriger haben sich andere Leute um eine theoretische Fundierung und Durchleuchtung seiner Arbeit bemüht, wobei sie im Grunde nur Kahnweilers Methode übernommen und bis in die Gegenwart weitergeführt haben. Kahnweiler hat über Picasso gesiegt. Was die Picasso-Literatur in jeder Breite und Ausführlichkeit ventiliert, ist die alte Kahnweiler-Frage nach Form und Stil, Picassos Hinweis auf den Inhalt – Sie müssen wissen, daß ich eine Bordellszene gemalt habe – wurde überhört und vom Tisch gefegt.