Talmud-Oper in Hamburg

Das gesungene Böse

Er sehe die Oper erst jetzt am Beginn ihrer Verwirklichung, sagt Josef Tal, Komponist aus Jerusalem, Musikwissenschaftler und Direktor eines Studios für elektronische Musik an der Hebräischen "Universität. Tatsächlich? Und was war in den zurückliegenden 370 Jahren? Wurden Mozart und Verdi, Wagner und Alban Berg bislang nicht verwirklicht? Oder haben sie etwa gar keine Opern geschrieben?

Anzeige

Als „Repräsentant einer sinnvollen Ganzheit", sagt Josef Tal, sei Oper „die kompletteste Form aller Kunstgattungen". Also wieder ein Prophet des Gesamtkunstwerks? Oder seiner neueren Spezies, des Multimedia-Spektakels? „Mit den heutigen Mitteln der Theatertechnik, der modernen Orchestration, der elektronischen Musik und so weiter werden neue Wahrnehmungswerte des ,Schönen c geschaffen, die durch die neu gewonnenen Erfahrungen bedingt sind." Und Tal nennt auch die Konditionen: „Voraussetzung ist die Erfährung des einzelnen Hörers und Beschauers im Leben und der Vergleich seiner Erfahrung mit dem Geschehen auf der Opernbühne und im Orchester."

Verwirklichung von Oper bedeutet für Josef Tal also das doppelte Zusammenlaufen einer neuen Ästhetik und einer neuen Technik, in der realen Welt draußen und der fiktiven der Bühne, gegenseitige Durchdringung von Realität und Wahrnehmung und dargestelltem Inhalt und darstellenden Mitteln, immer auf der Basis der Summe aller Erfahrungen, über das Heute wie über das Gestern.

Paßt es zu den Erfahrungen des Heute, ein talmudisches Märchen, also eine halb religiöse, halb säkularisierte Legende zum Gegenstand einer Oper zu machen? „Ashmedai" von Josef Tal, am Dienstag in der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt, erzählt eine solche Parabel: vom König (Vladimir Ruzdak), der seinem Volk, einfachen Bauern, den Frieden bewahrte; der nur schwer den Sohn (Franz Grundheber) davon abhalten kann, einen Krieg anzuzetteln — „Immer gibt es Gründe zum Krieg; Ihr müßt sie nur finden" —; der sich dann durch den Teufel überreden läßt nn'd ihm ein Jahr lang die Regierang überläßt; der sieht, wie sein Volk unter dem Einfluß des neuen Regenten Schaftstiefel anzieht und mordend in den Eroberungskrieg zieht, um sich letzten Endes nur selber zu ruinieren; der nach dem Jahr des Experiments seine immer noch andauernde naive Toleranz mit dem Tode büßt — „Wir haben nicht liquidiert, wir haben gerichtet", singt die Volksversammlung nach der Hinrichtung, um dann im nächsten Satz dem Teufel ebenso naiv zu bedeuten: „Du bist ein Kindermärchen. Du existierst ja gar nicht."

Das kommt dabei heraus, wenn man das Böse ignorieren will! — das ist das Thema und: Seid allzeit bereit! die daraus zu ziehende Lehre. Wer wie Tal 1934 nach Palästina emigrieren mußte, weil Deutsche die Schaftstiefel anzogen; wer heute wieder ändere in Stiefeln herumstehen sieht; umgekehrt: wer selber die Stiefel anzog; wer heute sich nach allen Seiten umsieht — also die notwendigen Erfahrungen sollten wir alle schon haben. Lassen sich daraus „Wahrnehmungswerte des Schönen" ableiten? Taugt das Böse als Thema zu schöner Wahrnehmung?

In völliger Finsternis beginnt die Ouvertüre, ein elektronisches Raunen und Brummen; auf der Bühne wird ein blasser Mond sichtbar über grauer Bodenfläche, das Raunen und Brummen verstärkt sich, Wind kommt hinzu: die Erschaffung der Welt? Die Bühne füllt sich an mit Dekorationen, mit Versatzstücken, mit Menschen: die Herstellung der Szene wird als theatralischer Vorgang dargestellt. Wir sind jetzt irgendwann im Mittelalter. Elektronische. Akkorde, dann, nach sechseinhalb Minuten, die ersten Instrumente.

Josef Tal arbeitet seit langem mit Elektronik, immer wieder experimentiert er an der Verschmelzbarkeit von natürlichen und künstlichen Klängen. In „Ashmedai" steht elektronische Musik für die Veränderung von Zuständen, physischen wie psychischen — wenn etwa die Versuchung in Gang gesetzt wird, wenn Bedrohungen deutlich werden, wenn die rekrutierten Bauern in den Rausch geraten oder die abgerissenen Bürgerkriegshinterbliebenen über, die Drehbühne wanken. Diese Chiffren-Bedeutung der Elektronik wirkt aber keineswegs mechanisch, im Gegenteil: durch die eindrucksvollen Bilder, die von Regie (Leopold Lindtberg) und Choreographie (Dick Price) zu diesen Klangmontagen gebaut werden, wirken diese Phasen am nachhaltigsten.

Anzeige
  • Von Heinz Josef Herbort
  • Datum
  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Quelle DIE ZEIT, 12.11.1971 Nr. 46
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service