Abroad « Del extranjero « De Vetranger • 3a rpaHHuefi » 9\ \
Marmorpalast für Musik und Politik
In Helsinki eröffnet: Alvar Aaltos Konzert und Kongreßhaus „Finlandia" / Von Manfred Sack
Mit der Tondichtung „Finlandia" des einen finnischen Nationalhelden Jean Sibelius wurde Ende voriger Woche die Marmorund Granitdichtung „Finlandia" des anderen finnischen Nationalhelden Alvar Aalto eröffnet. Daß es mindestens auch noch ein großes weißes Schiff gibt, das den Namen „Finlandia" durch die Welt fährt, ließe die Vermutung von Einfallslosigkeit zu; aber in der Politik spielt Originalität keine Rolle, wenn für die Repräsentation eine einprägsame Marke gesucht wird: In Aaltos Konzertund Kongreßhaus „Finlandia" an der Töölö-Bucht mitten in Helsinki wird nicht nur Musik gemacht, sondern auch getagt, und das möglichst international; die Finnen, mit Wien Teilhaber der SALT-Abrüstungsgespräche, möchten ihre Hauptstadt an der Grenze zwischen Ost und West gern zum neutralen Platz der geplant ten europäischen Sicherheitskonferenz machen. Jetzt können sie sagen: wir haben „Finlandia" dafür.
„Finlandia" ist in der Tat zuerst ein kulturpolitischer Gegenstand; das merkte man zum Beispiel daran, daß ausländische Gäste nicht von einer Kulturverwaltung, sondern vom Außenministerium eingeladen worden waren. Doch dann gehört das Haus in die Rubriken Architektur und Stadtplanung. Es ist, an dieser markanten Stelle der Halbmillionenstadt, unübersehbar — der größte und vielleicht letzte große Entwurf des 73jährigen Alvar Aalto.
Aber das ist eine sehr vage Vermutung. Aakos Kollegen, unter die er mit seinem internationalen Renommee füglich eingeordnet werden darf, sind alle sehr alt geworden und im Alter sehr rege geblieben: Wright wurde 90, Gropius 86, Mies van der Rohe 83, Le Corbusier 78 — ein gesunder Beruf. Daß der Architekt an der Eröff nungszeremoriie nicht neben Präsident Kekkonensaß, hätte einen in diesen Tagen harmlosen Grund:. Ihn hatte, wie die meisten Mitglieder seines Büros, die Grippe erwischt.
Vom jenseitigen Ufer der länglichen, in Nord- Süd-Richtung sich erstreckenden, seeartig fast abgeschlossenen Töölö-Bucht her wirkt das Gebäude, als sollte es dem nicht .ganz einsichtigen Slogan von der „weißen.Stadt" Helsinki endlich die Berechtigung geben: ein weißer, im diesigen Dezemberlicht weithin leuchtender Kristall von eigenartigem Schliff, der den Wunsch erzeugt, ihn ZB betasten. Schon ziemlich beeindrückt von zwei sympathischen Exemplarea neuerer Architektur — dem klassisch-schönen „Runden Haus" aus übereinandergereihten Kupferund Fensterbändern von Heikki und Kaija Siren, dann dem heiteren, außerordentlich modern konzipierten Stadttheater von Timo Penttilä auf dieser Parkuferseite — nähert man sich dem weißen Haus, das aus der Nähe dann ganz anders wirkt: ein strahlender Koloß, trotz der eleganten Fassaden und Aufbauten einschüchternd monumental. Man fühlt sich sehr klein.
Diesen Eindruck ruft die der Bucht — und vorläufig noch dem Gleisgewirr des ausgedehnten Güterbahnhofs — zugewandte Rückseite hervor. Sie wird von denen als Eingang benutzt, die mit dem Auto kommen. Über dem schmal gerippten Band vor den Restaurantund Foyer-Etagen mir der glatten Blende vor der Foyer-Treppe türmt sich der gezackte große Konzertund Köngreßsaal; er fällt zur anderen Seite — zur Mannerheim-Straße, der. fünf Kilometer langen, von Norden her in die City führenden Hauptverkehrsstraße Helsinkis — schräg wie ein Ski- Schanzentisch ab. Auf dieser Seite, wo der felsige, urwüchsige Hesperia-Park zur City hin ausläuft, liegt, um vieles einladender als die Autoanfahrt im Keller, der Haupteingang.
„Finlandia" ist, von außen angesehen, auf Anhieb mit seinem Urheber identifizierbar: kraftvoll, plastisch durchgearbeitet, diesmal leicht enträtselbar die Asymmetrie, originell gegliederte Fronten, das von einer Seite schräg ansteigende Dach des Konzertsaalgehäuses (das, möglicherweise bewußt, dem scharfkantig geformten Bühnenturm von Penttiläs Stadttheater schräg gegenüber auffällig entspricht). Wenn Aalto auch kostbares schönes Material liebt — diese Fassaden aus weißem Carrara-Marmor, der, aus Italien roh importiert, in Finnland bearbeitet wurde, und aus schwarzem finnischen Granit wirken ungefähr so gemütlich wie ein gestärktes Hemd unter dem Staatsfrack: statuarisch, kühl, distanziert, demonstrativ teuer, ja protzig. Das Wolfsburger Kulturzentrum mit seiner kupfernen Verkleidung ist dagegen unvergleichlich viel anmutiger, und das nicht nur, weil es kleiner ist.
Auch im Innern brauchte Aalto nicht zu sparen, nachdem er das Konzerthaus zum Konzertund Konferenzhaus umplarien mußte.
- Datum
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 10.12.1971 Nr. 50
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von: