Die goldenen zwanzig Jahre
Mit Geschick, Glück und Gönnern wurde Helmut Horten zum tausendfachen Millionär Von Hans Otto Eglau
fand, konnte Horten seinen „Bau der 100 Tage" an Karstadt verkaufen und aus dem Erlös, fast genau sechs Millionen Mark, einen Großteil seiner Schulden tilgen.
Sein zweiter großer Schachzug glückte Helmut Horten in einem zähen Verhandlungsmarathon mit Jakob Michael, dem wohl genialsten Spekulanten der „goldenen" zwanziger Jabie. Michael, der Herr der „Defaka"-Kaufhauskette, war schon 1932 nach Amerika ausgewandert und hatte als Eigentümer seines Unternehmens die von ihm selbst gegründete Firma New Jersey Industrie Co. Inc. registrieren lassen. Außer einer Handvoll Vertrauter wußte niemand in Deutschland, daß diese Gesellschaft praktisch mit Jakob Michael identisch war.
Nach dem Krieg sondierte der alternde Spekulant über verschiedene Kanäle das Interesse deutscher Investoren an einem Erwerb seiner Kaufhäuser. 1954 fühlte er wegen eines etwaigen Kaufinteresses bei Friedrich Flick vor, der damals Geld außerhalb der Montanbranche anlegen wollte. Doch der Großindustrielle war nicht bereit, auf die inzwischen, nach oben korrigierten Preisvorstellungen des gerissenen Geschäftsmannes einzugehen. Vielmehr ließ er Helmut Hörten von der Kaufofferte aus Amerika verständigen, dessen rühriges Wirken der alte Konzernchef, wie man sich in Industriekreisen erzählte, mit wohlgefälligen Blicken verfolgte. Horten nahm den Ball sofort auf. Doch der schlaue Michael, der instinktiv spürte, wie brennend der neue Bewerber am Kauf seiner Defaka-Häuser interessiert war, schraubte seine Konditionen durch hinhaltendes Taktieren immer höher. Jedesmal wenn Horten nach einem neuen Gespräch mit dem listigen Geldschneider in dessen Luxuswohnung am New Yorker Central Park glaubte, der Handel sei endlich perfekt, meldete sein Kontrahent nachträglich weitere Forderungen an. Nicht weniger als elfmal ließ er den Deutschen über den Atlantik kommen, bis er sein trickreiches Spiel bei einem Kaufpreis von 84 Millionen Mark abbrach.
Helmut Horten wäre wohl kaum stets von neuem nach New York geflogen, wenn ihm nicht eine geradezu geniale Idee den richtigen Weg gewiesen hätte, die 19 Defaka-Häuser trotz Michaels Preispoker spottbillig zu erwerben. Durch das umfangreiche Teilzahlungsgeschäft hatten sich in den Büchern der Emil Köster AG Kreditforderungen gegenüber Kunden von über 50 Millionen Mark angesammelt. Sie waren praktisch so gut wie bares Geld, denn die in den Defaka-Filialen kaufenden Beamten und Angestellten nahmen ihre Rückzahlungsverpflichtungen äußerst ernst. Von 1Ü0 Mark Forderungen konnten damals im Schnitt ganze 17 Pfennige nicht eingetrieben werden. Horten war entschlossen, diese Geldquelle für sich sprudeln zu lassen. Er fuhr zu Bankier Hermann Josef Abs und schlug ihm vor, die Kreditabteilung der Defaka-Kette aus dem Unternehmen herauszulösen und als selbständige Firma dem Interessenbereich der Deutschen Bank einzugliedern. Der Händel war schnell unter Dach und Fach: Sämtliche Kreditforderungen wurden an die neu gegründete „Defaka Kreditbank GmbH" abgetreten, deren Kapital die zur Deutschen Bank gehörende „Gefa", Gesellschaft für, Absatzfinanzierung, hielt. Durch diesen Schachzug brauchte der schlaue Hörten nicht nur keine Gehälter mehr für die Angestellten seiner ausgegliederten Kreditabteilung zu bezahlen, sondern konnte, da die neue Firma auch weiterhin unter dem Dach der Düsseldorfer Köster-Verwaltung domizilierte, von der Deutschen Bank obendrein noch Miete kassieren. Horten gehörte mit einem Schlag zu den ganz Großen der deutschen Warenhausbranche — dank eines Geschäfts, das sich nach seinen eigenen Worten „zum größten Teil aus sich selbst heraus finanzierte*.
Zwar durfte sich der rheinische Warenhauskönig nach seinen beiden spektakulären Firmeikäufen rühmen, Herr über die' viertgrößte Wirenhauskette der Bundesrepublik zu sein. Do:h über welch ein ungeordnetes Reich herrschte er .n Wirklichkeit! Fünf Jahre benötigte Horten, um die einzelnen, über eine eigene Tradition verfügenden Teile seines Imperiums juristisch und .vor allem organisatorisch';i§i|ejppapMder zu verschmelzen. „Dies war vielleicht äie" einzige wichtige Tat meiner wirtschaftlichen- Laufbahn", erklärte er später nidu, ganz ohne Understatement. In dieser Phase bewährte sich Hortens spezifischer Führungsstil besonders. Anstatt seine Geschäftspolitik im Team zu entwickeln, zog es der auf Alleinführung bedacht« Warenhausherr vor, seine Entscheidungen in zahlreichen Einzelunterredungen vorzubereiten. Allerdings weihte er jeden Gesprächspartner gerade nur soweit in seir.e Pläne ein, wie es von der Sacheher unbedingt notwendig war. Mit dieser Vieraugendiplomate gelang es ihm, seine Politik gleichzeitig an mehreren Stellen voranzutreiben, ohne daß sich Widerstand entwickeln konnte.
Die Kasse muss stimmen
■;. Mehrläis. 200.Mill.iarden Mark ^Bossen im vergaftgfertBn Jähr in dfe Kassen deutscher Kauiund Warenhäuser, Veisandfirmen, 'Supermärkte und Fachgeschäfte. Das sind in jeder Sekunde, in der bei uns die Läden geöffnet sind, 20 000 Mark In seinen Buch „Die Kasse mu3 stimmen" schildert Hans Otto Eglau die Erfolgsgeheimnisse der Männer, die — für den Kunden unsichtbar — cfas Milliardengeschäft dirigieren. Er schildert ihre entscheidenden Transaktionen und berichtet über ihre Strategien, mit denen sie täglich Millionen in ihre Geschäfte locken. DIE ZEIT veröffentlicht aus.dern Buch, das in Kürze im Econ-Verlag, Düsseldorf,' erscheint (270 Seiten, zahlreiche Fotos, 22 Märki im Vorabdruck Auszüge.
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- Quelle DIE ZEIT, 14.01.1972 Nr. 02
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