Systeme ohne Autoren

Der Erfolg der Technik und einiger technologischer Erklärungen hat uns dazu verleitet, der Technologie die Formulierung wichtiger Fragen an unserer Statt zu erlauben – Fragen, deren Form schon die Anzahl der Freiheitsgrade in unserem Entscheidungsraum ernsthaft einschränkt. Wer immer die Frage stellt, bestimmt in starkem Maße die Antworten. In diesem Sinne ist die Technologie und speziell die Computertechnologie ein sich selbst erfüllender Alptraum geworden, der an die Frau erinnert, die davon träumt, vergewaltigt zu werden, und ihren Angreifer bittet, nett zu ihr zu sein. Er aber antwortet: „Es ist Ihr Traum, gute Frau.“ Wir müssen einsehen, daß die Technologie unser Traum ist und daß wir es sind, die schließlich entscheiden, wie er enden wird.

Die Computerrevolution muß die Würde und Autonomie des Menschen weder in Frage stellen noch braucht sie es, sondern sie ist eine Art pathologisches Phänomen, das den Menschen dazu bewegt, ihm unberechtigte, höchst schädliche Interpretationen abzuringen. Sobald wir uns klarmachen, daß unsere Visionen, möglicherweise Alpträume, die Wirkung unserer eigenen Werke auf uns und unsere Gesellschaft bestimmen, so wird ihre Bedrohung sicherlich vermindert. Das bedeutet aber nicht, daß dieses Bewußtwerden bereits alle Gefahren ausschließt. Zum Beispiel gibt es, außer der aushöhlenden Wirkung einer technologischen Mentalität auf das menschliche Selbstverständnis, unmittelbare Angriffe auf die Freiheit und Würde des Menschen, in denen die Computertechnologie eine kritische Rolle spielt.

Wir haben bereits eine Maschine (Dendral), die über mehr chemisches Wissen verfügt als viele Doktoren der Chemie, und eine andere (Mathlab), die mehr Wissen über Angewandte Mathematik besitzt als die meisten Mathematiker dieses Zweiges. Die Kenntnisse beider können vor dem Hintergrund der Theorien, von denen sie abgeleitet wurden, bewertet werden.

Wenn der Anwender von Mathlab das aus einer bestimmten Funktion berechnete Integral für falsch hält, so kann er, einmal abgesehen von möglichen Programmfehlern, nicht in Übereinstimmung mit der mathematischen Theorie der Integration sein. Er streitet dann nicht mit der Maschine oder dem Programmierer, sondern mit einer bestimmten mathematischen Theorie. Was aber ist mit den vielen Programmen, auf die sich das Management in Regierung und Militär verläßt, von denen man keineswegs behaupten kann, daß sie auf erklärbaren Theorien beruhen, die vielmehr statt dessen ein riesiges Flickwerk von Programmiertechniken sind, aneinandergeknüpft, damit sie funktionieren?

In unserem Eifer, jeden technischen Fortschritt auszunutzen, fügen wir eiligst das, was wir bei der maschinellen Manipulation des Wissens solcher auf bestimmten Theorien basierenden Systeme gelernt haben, in dieses Flickwerk ein. Es „funktioniert“ dann besser. Nun wird es ungemein wichtig zu verstehen, wie solche Systeme wirklich konstruiert sind.

Ich denke da an Systeme zur Auswahl von Kriegszielen, wie sie in Vietnam benutzt werden, an die Kriegsspiele im Pentagon und so weiter. Diese oftmals gigantischen Systeme werden von Programmierteams in Zeitspannen häufig von vielen Jahren zusammengesetzt. Wenn dann das System schließlich wirklich in Gebrauch genommen wird, sind die meisten früheren Programmierer nicht mehr da oder haben sich anderen Aufgaben zugewandt. Und genau dann, wenn solche riesigen Systeme endlich benutzt werden, kann weder eine einzelne Person noch ein kleines Team von Spezialisten ihre inneren Arbeitsabläufe überblicken. Dies hat Folgen: