Böller gegen Böll
Wenn einer zum Ausgleich rät /Von Hellmuth Karasek
Der Heinrich, vor dem es den Deutschen laut Willen der Springer Zeitungen und des ZDF Löwenthal Magazins grausen soll, heißt Böll. Wie Hans Habe meint, so 11er als Präsident des internationalen PEN schleunigst zurücktreten, der Löwenthal Unmut drückte irhä tiefste Verachtung aus, indem er ihn nur noch als „Herr Böll" apostrophierte, was ja in deutscher Sprache merkwürdigerweise als Beleidigung gelten soll; Karikaturen pinselten ihn, in billiger Anspielung auf einen seiner Romantitel, als Clown mit Clowns Ansichten. Und der PEN Kollege Krämer Badoni faßte alle verachtende Ironie, zu der er in diesem Falle willens war, in dem Amtsprädikat „Meinungspräsident" zusammen.
Was war geschehen, daß auf der rechten Barrikade ein so zorniges Meinungsgetümmel entstehen mußte, daß man versuchte, aus dem bekanntesten lebenden deutschen Schriftsteller, dessen moralische und politische Integrität in Ost und West bisher doch über alle Zweifel erhaben war, einen Buhmann der Nation zu machen, def auf dem linken Auge blind sei? Böll hatte im Spiegel die, milde ausgedrückt, Voreiligkeit von Bild, das bei jedem ungeklärten Kriminalfall zunächst das Gespenst der Baader Meinhof Gruppe am Werke sieht, für eine drohende Hysterie mitverantwortlich gemacht. Und er hatte daraus den Schluß gezogen, das Klima dürfe nicht so angeheizt werden, daß weder für die Täter noch für deren Verfolger ein anderer Ausweg bleibe, als die Eskalation der Gewalt immer weiter zu treiben. Nur um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, hatte Böll den Vorschlag gemacht, der Gruppe „freies Geleit" zu dem Prozeß, „der stattfinden muß", anzubieten.
Als Böll dann noch in der Sendung „Panorama" davon sprach, daß er in seiner Eigenschaft. als Vorsitzender des PEN nichts für den zu jahrelanger Haft verurteilten sowjetischen Schriftsteller Bukowskij unternehmen könne, sich es als Privatmann überlegen wolle, war der Eklat vollkommen — noch dazu, da Böll von einer langen Geschichte westlicher Arroganz gegenüber Osteuropa gesprochen hatte und für Rußland eitle andere Geschichte der Freiheit konstatierte. Die Empörten waren rasch mit dem Kurzschluß Argument bei der Hand: Für die Meinhof setze sich Böll ein, für Bukowskij dagegen nicht. Das empörte Geböller ging jedoch an zwei wichtigen Böll Oberlegungen vorbei.
Einmal, daß in einem Rechtsstaat, wie ihn die Bundesrepublik darstellt, auch Ulrike Meinhof ein Recht darauf hat, aur jener Taten geziehen zu werden, an denen sie nachweislich beteiligt war, und daß die Presse bei ihr wie bei anderen Gesetzesbrechern nicht ein Klima der Aufmöbelung und Hysterie schaffen dürfe, das die Gruppe in Angst vor einer möglichen Lynchjustiz weiterhin an ihre Gewalttaten fesselt.
Zum anderen, daß bei Bölls Abwägung, wie er sich am besten für sowjetische Kollegen einsetze, ganz andere, nämlich wohlbegründet taktische Erwägungen im Vordergrund standen. Als PENPräsident mußte er alles tun, um auch nur den Anschein zu vermeiden, er wolle durch wohlfeiles Zum Fenster hinaus Reden wirkliche Möglichkeiten der Hilfe verschütten. In der Tat kann es zuweilen nützlicher sein, der unterdrückenden Obrigkeit goldene Brücken zu bauen, um den Opfern zu helfen.
Böll hat in vielen Fällen — man denke nur an Solschenizyn — schon mehr getan als all diejenigen, die den empörten Aufschrei auch deshalb riskieren, weil er nichts kostet und sich so gut macht. Wie man dem ZDF Magazin entnehmen konnte, scheint der Fall Bukowskij manch einem auch als Torpedo gegen die Ostpolitik sehr gelegen zu kommen. Nicht, daß wir in Zukunft schweigen sollten, wenn die Sowjetunion ihre unbequemen Schriftsteller (und nicht nur sie) immer noch einer inhumanen Verfolgung aussetzt. Aber wir sollten, wie Böll, von Fall zu Fall entscheiden, ob dies den Betroffenen hilft oder schadet. Mit Böll sollte ein Anwalt der Verständigung und des Ausgleichs getroffen werden. Was gegen ihn laut wurde, war jenes Alles oder NichtsGeschrei, auf das die sowjetischen Schriftsteller dankend verzichten können — weil sie die Erfahrung der letzten Jahre lehrte, daß ihre Interessen durch Autoren wie Böll besser vertreten waren als durch die Balkon Proteste derjenigen, die an ihrem Schicksal vor allem interessiert, wie sie damit ihr innenpolitisches Süppchen kochen können. Böll soll nur nach außen warnen und vor der journalistischen Treibjagd kuschen. Sie möchten ihn nach ihrem „Bild".
- Datum 21.01.1972 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21.1.1972 Nr. 03
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