Das ist so ein Knabentraum: als Moses um die Welt schippern, als Kohlentrimmer auf einem Seelenverkäufer, als blinder Passagier auf einem Bananendampfer. Das ist die unsterbliche Schiffsjungensehnsucht nach dem endlosen Meer, nach einem Kapitän mit Holzbein und einem weinenden Mädchen in Hamburg am Kai, yes Sir.

Manch einer vergißt das ein Leben lang nicht. Das Haar fällt ihm darüber aus. Das Schicksal zieht ihn von einer Abhängigkeit in die andere. Doch die Schiffsjungensehnsucht wird er nicht los. Und eines Tag es reist er mit dem Bananendampfer, ganz anders, als er es sich in der Jugend vorgestellt hatte. Und doch ist es noch immer ein Abenteuer aus erster Hand, yes Sir.

Das Abenteuer aus erster Hand vermittelt ein kleiner Hamburger Reiseveranstalter. Sein Operationsgebiet ist die Welt, so weit die Schiffe fahren. Sein Bettenkontingent ist aber nicht größer als das Angebot eines einzigen mittleren Touristenhotels auf Mallorca. Er hat jährlich nur ein paar hundert Reisende, bei denen die Zeit keine Rolle spielen darf, denn sie sind Wochen und Monate unterwegs, und keiner kann sagen, wann sie abfahren und wann sie ankommen. Die Schiffe kommen und gehen unregelmäßig, die Termine können sich um Wochen verschieben. Trotzdem sind die Reisen zumeist um ein Jahr im voraus ausgebucht. Geschäftsführer Walter Stork: „Die Leute schicken uns schon bei der Anmeldung das Geld ins Haus.“ Die Reiseorganisation der Navis ist ein Spezialreisebüro für Schiffsreisen. Doch das erklärt nicht den magischen Reiz des Angebots.

Im Anfang war die Navis Schiffahrts- und Speditionsgesellschaft. Von Anfang an gab es aber auch Anfragen junger Leute, die sich die Überfahrt nach Amerika an Bord verdienen wollten – zum Beispiel als Kohlentrimmer. Walter Stork: „Kohlentrimmer, liebe Leute, gibt’s nicht mehr.“ Das Abenteuer hat die Fasson verloren. Man speist am Tisch des Kapitäns, hat einen Liegestuhl an Deck und meist auch ein kleines Schwimmbecken. In den Häfen mietet man Taxen für Landausflüge, und dunkle Matrosenkneipen sind ganz sicher schon zu viel des Abenteuers. Man reist als zahlender Gast auf Frachtschiffen, yes Sir.

Die Reiseorganisation der Navis ist auf Frachtschiffsreisen spezialisiert. Frachtschiffe mit ein paar Passagierplätzen an Bord (von einer Doppelkabine bis zu zwölf Plätzen in Einzel- und Doppelkabinen) fahren ums Nordkap nach Rußland (knapp zwei Wochen: 800 Mark) und ums Kap der Guten Hoffnung nach Singapur, Hongkong und Japan (etwa drei Monate: 5800 bis 6700 Mark). Sie fahren nach Westafrika (etwa drei Wochen: um 1200 Mark), und nach Indien (34 bis 40 Tage: um 2000 Mark) nach Ostasien (drei bis vier Monate: 5800 bis 8000 Mark) und nach Westindien und Mittelamerika (70 Tage: rund 3500 Mark), nach Brasilien (30 bis 33 Tage: um 2000 Mark) und nach Ecuador: Das ist die Reise mit dem Bananendampfer (32 Tage: um 2500 Mark).

Man muß Geduld haben mit Frachtschiffen, und man muß Zeit haben. Und so sind die Teilnehmer denn meist unabhängige Rechtsanwälte, Ärzte, Künstler, Pensionäre. Und siehe da: Im Alter von 50 und 60 Jahren sind die Knabenträume noch lebendig, nur überschattet von der Weisheit des Alters und dem Verlangen nach Komfort. (Für Kinder unter 14 Jahren sind solche Seereisen übrigens nicht sehr geeignet.)

Die Reiseorganisation der Navis veranstaltet im Jahr 29 Reisen. Das Angebot wird zu 95 Prozent direkt an Interessenten verkauft (fünf Prozent über einige Reisebüros). In der Kundenkartei sind rund 7000 Namen registriert. Prospektauflage: 10 000; Umsatz: 1,8 Millionen Mark. bo