Von Wolfgang Abendroth

Memoiren-Literatur über die Periode der deutschen Geschichte zwischen dem Ausbruch des Ersten Weltrieges und dem formellen Ende der Weimarer Republik, der Machtübertragung an Hitler, gibt es in großer Auswahl. Nachdem das Dritte Reich durch die Koalition der Sieger (und leider nicht durch das eigene Handeln des deutschen Volkes) zertrümmert worden war, meldet ten sich zunächst die überlebenden Führer der Sozialdemokratie zu Wort, dann einige bürgerliche Politiker der Weimarer Zeit, zuguterletzt auch noch Heinrich Brüning. Die Bücher jener Parteichefs und Minister, deren Politik in diesen Jahren durch das Debakel des 30. Januar 1933 endgültig widerlegt war, konnten ihren apologetischen Charakter nicht verleugnen. Aber sie haben für eine lange Periode die wissenschaftliche historische Literatur der Bundesrepublik Deutschland weitgehend bestimmt, die sich daneben nur auf Aktenbestände, Parlamentsberichte und hochstens noch die „überregionale“ bürgerliche Presse; als Quellen zu stützen pflegt – also auf Materialien, die ebenfalls nur die Auffassungen der herrschenden Klassen und der führenden Kräfte des Staatsapparates spiegeln.

Sozio-ökonomische Analysen kamen dabei ständig zu kurz, selbst bei sonst verdienstlichen parteigeschichtlichen Darstellungen, deren Ziel es wirklich war, das Scheitern der Revolution, die restaurative Stabilitätsperiode bis zum Ende des Kabinetts Hermann Müller die Präsidialkabinette und den Sieg der Nationalsozialisten wissenschaftlich objektivierend aufzuarbeiten.

Ist es jedoch überhaupt möglich, ein objektiv gültiges und haltbares, geschichtliches Bild über diese Periode zu gewinnen, ohne das Denken, die Erlebnisse und Erfahrungen jener „kleinen“ Funktionäre der revolutionären Arbeiterbewegung einzubeziehen? Sie waren es, die 1918 die Monarchie gegen den Willen der sozialdemokratischen Führer zerstört haben, um dann in den januarkämpfen 1919 und den Nachhutgefechten bis zur Niederwerfung der Münchner Räterepublik entscheidend geschlagen zu werden und doch bis zum bitteren Ende teils Motor, teils bloßes Objekt des historischen Prozesses blieben.

Deshalb ist es gerade auch für die Wissenschaft ein großer Gewinn, daß wir jetzt durch

Karl Retzlaw: „Spartakus, Aufstieg und Niedergang. Erinnerungen eines Parteiarbeiters“; Verlag Neue Kritik, Frankfurt a. M. 1971, 500 S., 25,– DM

einen lebendigen Eindruck vom Denken und Handeln eines revolutionären Arbeiters, der vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges bis in die Jahre der Emigration hinein in diesen Auseinandersetzungen seinen Mann gestanden hat, erlangen können. Wird er von den Historikern (hüben und drüben) genutzt werden?