ZDF, Mittwoch, 19. Januar: „Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte“, von Alexander Kluge

Ästhetisch war es ein eindrucksvolles Spektakel: vortrefflich photographiert, sehr witzig, technisch perfekt und anspielungsreich. Kenner der Materie kamen auf ihre Kosten; Freunde des Autors feierten ein Wiedersehen mit Kluge-, Schauspielern und Kluge-Motiven; Leser der „Schlachtbeschreibung“ sahen sich in die Lage versetzt, die Manier zu studieren, mit der der Verfasser den Untergang der sechsten Armee maßgetreu in eine Science-fiction-Szenerie transponierte.

Hundert Jahre nach Stalingrad haben sich die Panzerformationen in Raumschiffflotten verwandelt; Gumrak, Kaiatsch und Pitomnik, die Untergangsstationen des Jahres 1943, heißen nun Eisgürtelsektor, Sonne Mira und Krüger 60; es gibt keine Grenzen zwischen Heimat und Front mehr: Stalingrad ist überall; im Zeitalter der Kreuzer Wasp und Voraus Elender Hund schrumpfen die Distanzen im All zu Entfernungen von jenem bescheidenen Ausmaß, wie sie einst, im Süden des Kessels, die Infanterie zwischen Zybenko, Krawzow und der Höhe 129 zu überwinden hatte.

Im übrigen aber ist alles beim alten geblieben: PK-Berichter feiern fröhliche Urständ; man zotet und schiebt, wird geschaßt und befördert und wieder geschaßt; Offiziere reden wie Offiziere und legen noch immer die Hand salopp an die Mütze; wenn paradiert wird, sehen sich galaktische Formationen von fritzischen Weisen begleitet; die Helden von einst haben alle Katastrophen unversehrt überstanden: Immer auf der Seite der Macht heißt die Devise.

Science-fiction-Momente, dienlich, um Ideologien zu entlarven (das technische Spektakel, scheinbar zum Selbstzweck geworden, dient in Wahrheit, höchst zweckbestimmt, der Eroberung neuer Märkte), brauchbar, um verborgene Anpassungsmechanismen sichtbar zu machen (Enthüllung der Kleinbürgerdenkweise im Zeichen der Trias Brutalität-Obszönität-Servilität), nützlich, um verfremdend nachzuweisen, daß zwischen Mensch und Mensch in unserer Gesellschaft tatsächlich kein anderes Band mehr übriggeblieben ist als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“ ... diese Science-fiction-Momente, diese Bestandteile einer perfekten pop-show mit grotesken, Schrifttafeln (anspielungsreich wiederum, sehr verschlüsselt) und einer Fülle skurriler Details, verselbständigten sich in diesem Film mehr und mehr und verwiesen auf nichts mehr als auf sich selbst.

Lernprozesse wurden, ähnlich wie bei Godard, durch kulinarische Zaubereien verhindert; was utopische Demonstration sein sollte, war ein Spektakel ästhetischer Art; die Phantasie, statt entbunden zu werden, blieb ans Detail gefesselt. Der Schrecken war zu schön, das Grauen zu witzig, das Entsetzen zu kalt, um dem Zuschauer das Gefühl tua res agitur zu vermitteln und ihn daran zu erinnern, daß er auf der Strecke bleiben wird, wenn die Dinge so bleiben, wie die Dinge sind.

Die groteske Vision verstellte die groteske Realität: Der Gesichtspunkt der totalen Operationalität einer humanen Welt, die, bis zum letzten instrumentalisiert, aufgehört hat, human zu sein ... dieser Aspekt, der, aus unterschiedlicher Perspektive, sowohl Plieviers „Stalingrad“ als auch Kluges „Schlachtbeschreibung“ bestimmt, wurde in „Willi Tobler und der Untergang der 6. Flotte“ wortwörtlich verspielt. Es fehlte an gedanklicher Schärfe; die Weltraummaskerade. von Stalingrad war so modernistisch wie die Darbietungen von Hamlet im Frack oder dem Räuber in SA-Uniform; die Gründe der Katastrophe blieben verborgen; militärtechnische verdeckten die gesellschaftlichen und individualpsychologischen Aspekte (und deren Vermittlungsprozeß).