Von Heinz Schwitzke

Nach Günter Herburgers Polemik gegen die Langeweile des sogenannten Neuen Hörspiels und Uwe Frieseis Zurückweisung der Attacke, nach den Streitschriften zweier Hörspielautoren also, veröffentlichen wir hier als letzten Beitrag die Stellungnahme einesHörspielredakteurs. Heinz Schwitzke war von 1951 bis 1971 Leiter der Hörspielabteilung des NDR und als solcher in den letzten Jahren auch in die Auseinandersetzungen um das Neue Hörspiel verwickelt.

Schlimm ist es ihm ergangen, dem Günter Herburger. Jörg Drews hat ihm in ein und demselben Artikel nicht nur „faschistoide Denkweisen“, sondern auch Anfälligkeit gegen „Zauberworte“ der „Linken“ bescheinigt. So ergeht es einem, der nicht konform und dazu noch ein bißchen rüde ist! Aber wie denn: Gibt’s denn die Meinung gar nicht, die Herburger da aufgetischt hat? Oder nur bei dem sowieso „kulturbanausischen“ Publikum? Nicht zum Beispiel auch bei denen, die entscheiden, bei den Programmdirektoren? Nicht sogar bei einer Anzahl von Hörspielleitern? Saß sie nicht irgendwie bei deren letzten Tagungen mit am Tisch? Den Mund öffnete sie freilich nur zaghaft. Es ist ja halsbrecherisch, vielleicht gar „faschistoid“, denen zu widersprechen, die die Bezeichnung „progressiv“ auf der Brust tragen. Progressivität ist längst etabliert. Dabei wäre es heute wohl oft fortschrittlicher, zuzugeben, daß wir nicht mehr sicher wissen, wo es vorwärts, wo rückwärts geht.

Die Standpunkte der beiden Kontrahenten, unvereinbar wie sie sind, geben genau die Breite des Spannungsfeldes wieder, auf dem das Hörspiel heute leben müßte, aber offensichtlich auf die Dauer nicht kann, wenigstens nicht wie bisher. Die entscheidende Frage: Warum ist das so?

Am Zorn des Publikums liegt es nicht, das Publikum war sozusagen immer dagegen; keineswegs haben die Hörspielredakteure vierzig Jahre lang nur faule Konzessionen gemacht. Da es unter den Hörspielkonkretisten gelegentlich für schick gilt, Eich als Erfolgs- und Publikumsautor abzutun, muß es einmal in Erinnerung gebracht werden: Die „Träume“, und nicht nur diese, haben Waschkörbe voller Protest bewirkt, wohl mehr als jemals das Neue Hörspiel (was aber auch etwas an der allgemeinen Müdigkeit heute liegen mag). Die Hörerzuschriften beklagten schon immer, daß alles zu hochgestochen oder zu böse und zu wenig fürs Herz sei, auch Dürrenmatt, Ingeborg Bachmann, Hildesheimer, Andersch, Siegfried Lenz. (Sämtlich übrigens zuerst durch Hörspiele erkannt, bekannt und am Leben gehalten.)

Also der Publikumsprotest ist nicht neu. Was ist dann beim Neuen Hörspiel so neu und so anstößig? Eine ausgesprochene Poetologie der Distanz mit Vorschriften wie: keine Handlung, keine Figuren, möglichst nichts Imaginierbares, was der Identifikationsbereitschaft der Hörer Vorschub leistet! Hinter einer derartigen ideologischen Ikonostase hat sich das Hörspiel allerdings, bevor es zum Neuen wurde, vor seiner Gemeinde noch nie verschanzt.

Das Hörspiel hat sich stets als die genuine Kunstform und als Mitte und künstlerische Legitimation des Hörfunks angesehen und dies damit begründet, daß es im akustischen Bereich für die Dichter das Experimentierfeld sei, auf dem sie gesprochene Sprache (von Musik und Geräusch nur unterstützt) auf ihre Möglichkeiten erproben. Die Neuen Hörspieler haben dankenswerterweise einige zusätzliche kritische Probleme auf dieses Spielfeld gebracht, die vorher zwar nicht unbekannt, aber wohl vernachlässigt waren: etwa das Leertönen von Sprache, ihre Vorurteile in Vokabular, Floskel und Grammatik, ihre Zufälligkeiten und Konventionen. Dafür haben sie anderes zum Teil bewußt vernachlässigt. Wohl wegen der gefürchteten Höreridentifikation haben sie mimisch-darstellerische Modulierbarkeit möglichst durch die (von Stereophonie vermehrten) technisch-kompositorischen Konstruktionsmittel ersetzt, die kommunikative Tragfähigkeit der Sprache für Inhalte zugunsten ihrer reinen „Selbstdarstellung“ außer Betracht gelassen und das Problem des Wirklichkeitsgehalts in der Sprache durch, oft sehr geistreiche, Demonstration ihres Wirklichkeitsverlustes ersetzt.