Von Nina Grunenberg

Frage an einen Studienrat für Englisch, Französisch und Latein, 42 Jahre alt, aus dem Ruhrgebiet: „Warum sind Sie Mitglied des Bundes ‚Freiheit der Wissenschaft‘ geworden?“

Antwort: „Zuerst war ich in der SPD. Ich dachte, auf die Schulreform kann man am besten Einfluß nehmen, wenn man einer politischen Partei beitritt und auf Ortsebene daran mitarbeitet. Aber ich wußte nicht, wie schwer es Akademiker und Genossen miteinander haben. Dann hat die SPD im Landtag öffentlich auf die Lehrer geschimpft. Das fand ich unverantwortlich und unverzeihlich, schließlich sind wir Beamte und können uns nicht mit gleichen Mitteln wehren. Ich trat deswegen aus. Vielleicht kann uns der Bund weiterhelfen.“ Nachdenklich hielt er einen Moment inne: „Eine Reform, die Hand und Fuß haben soll, kann man eigentlich nur mit aufgeschlossenen Konservativen verwirklichen. Wenn doch die CDU mehr Mut hätte.. Ein auffordernder Blick in die Runde: „Sollen wir nicht alle in die CDU eintreten, sie umfunktionieren und dann eine prima Reform machen?“

Die Momente der Verwirrung vor soviel Illusionen, aber auch vor soviel existentiellen Ängsten und bekümmerten Sorgen um den Zustand von Schule und Hochschule – diese Momente waren nicht eben selten auf der Lehrertagung des Professoren-Bundes „Freiheit der Wissenschaft“ am letzten Wochenende auf der Bühlerhöhe im Schwarzwald. Wer nicht Lehrer und auch nicht Hochschullehrer war, der mußte sich allerdings erst längere Zeit fragen, was denn nun das vielzitierte „movens“ und „agens“ der Zusammenkunft im Kurhaus Plättig war. Der hatte auch Mühe, dem höchst gelehrten Deutsch der Versammelten zu folgen und den Verdacht zu unterdrücken, daß sie sich im Kampf gegen die radikale Linke deren unverständlicher Sprache bedienen und sie schlagen wollten, indem sie noch anderthalbe draufsetzen: „Das Ergebnis dieses konsequent durchgeführten politorischen Exhaurierungsprinzips ist in der Regel ein Katalog neuer Fachdidaktiken“, so hieß es im Vortrag eines Pädagogik-Professors über die „Metamorphose der Didaktik in der Lehrerbildung“, „die sich am zweckmäßigsten dem Oberbegriff Politorik subsumieren lassen, die sich bei genauerer Analyse allesamt als Spezialfälle des Schelskyschen Prinzips der normativen Überbietung‘ im Räume der Wissenschaft darstellen und sich als reduktive Instrumentalisierung des Wissens entpuppen ...“

Entschuldigung, sagte hinterher jemand, aber was Politorik heiße, wisse er immer noch nicht. Eine elend verhunzte Sprache? Für den renommierten Anglisten Wolfgang Clemen aus München, der selber einen eleganten Stil schreibt und wie alle großen Gelehrten niemals unverständlich spricht, ist das alles egal. Wichtig ist nur eines, und das hat er auch aus dem Vortrag gehört: „Der Staat wird von den Linken untergraben.“

Da gibt es nichts mehr zu lästern, da wird man still, auch wenn das „movens“ immer noch nicht recht zu begreifen ist. Der Bund „Freiheit der Wissenschaft“, im Juni 1970 gegründet, hat heute 3000 Mitglieder; sie sind an den einzelnen Hochschulen in „Sektionen“ organisiert. Mit der Lehrer-Tagung unternahm der Bund den Versuch, wie das Vorstandsmitglied, der ehemalige Frankfurter Rektor Walter Rüegg erklärt, seine Basis zu verbreitern und auf die Absolventen der Universität auszudehnen. Daß die Lehrer die erste Zielgruppe sind, ist verständlich: Schule und Hochschule haben ein gemeinsames Problem in der Lehrerausbildung. Aber noch wichtiger ist, daß sie beide den Angriffen von links ausgesetzt und zur ersten Etappe auf dem Marsch durch die Institutionen geworden sind.

Den Ton gab der bayerische Kultusminister Hans Maier, Gründungsmitglied des Bundes, bei der Begrüßungsansprache an: „Die ‚Strategie der Systemüberwindung greift immer stärker auf die Schulen über. Sie stehen heute in der Bundesrepublik, ähnlich wie die Hochschulen, im Mittelpunkt ‚gesellschaftsverändernder‘ Praxis – ob es sich nun um Schulstreiks mit politischem Hintergrund, um organisierte Lernverweigerung, Prüfungsboykotte, politische Umfunktionierung des Unterrichts oder gezielte Angriffe auf Lehrer und Lehrergruppen handelt.“