Von Dieter Buhl

Brüssel, im Januar

Als die Tinte unter den Verträgen trocken und die Druckerschwärze des Attentats nur noch unter seinen Fingernägeln sichtbar war, gönnte sich Edward Heath einen Abstecher in die Vergangenheit. Er ging in die Bar des altehrwürdigen Brüsseler Hotels Metropole, wo er neun Jahre zuvor seinen Ärger über das französische Veto gegen Englands EWG-Beitritt mit belgischem Bier hinuntergespült hatte. Diesmal hob Heath das Glas aus frohem Anlaß. Vor den Kameras der BBC toastete er auf ein Ereignis, das er schon vor 22 Jahren in seiner Jungfernrede im Unterhaus herbeigewünscht und für das er zehn Jahre lang gestritten hatte: den Beitritt Großbritanniens zu einem vereinten Westeuropa.

An diesem 22. Januar war der Wunsch Wirklichkeit geworden. Im taubengrauen Ersatzanzug, der so wenig feierlich war wie die vorangegangene Unterzeichnungszeremonie, und mit der lächelnden Zuversicht, die er immer parat hat, wenn es um Europa geht, gab sich Ted Heath ganz als der Mann, der es geschafft hat.

Die großen Krisen seines politischen Lebens – das „Non“ der Franzosen und die Wahlniederlage von 1966 – waren vergessen, „denn Sie sehen ja, jetzt bin ich hier“. Auch die Aussicht auf bevorstehende Kämpfe im Parlament vermochte ihn im Augenblick des Triumphes nicht zu schrecken. Winston Churchills Durchhalteparole – selbst mit der Mehrheit von nur einer Stimme „weiterzumachen“ – gilt auch für diesen Premierminister.

Es war Edward Heäths großer Tag. Die Attacke der fanatischen jungen Frau, die sich Marie-Louise Kwiatkowski oder Karen Cooper nennt, konnte diesen Tag nur kurz stören, aber nicht verderben. Vorbei an den Chasseur à pieds, die ihre Bewacherfunktion reichlich gemütlich – dem Stil ihrer Uniformen von 1831 entsprechend – ausgeübt hatten, betrat der Premierminister schließlich nach gründlicher Reinigung mit 50 Minuten Verspätung die Stätte der Unterzeichnung. Ihm scholl der Beifall der Regierungschefs, der Minister und Europa-Honoratioren entgegen. Und zum erstenmal war so etwas wie ein feierlicher Hauch in dem Saal des Egmont-Palastes spürbar.

Neben dem britischen Premier mußten die Repräsentanten der anderen neuen Mitglieder notgedrungen verblassen – nicht nur, weil sie kleinere Länder vertreten. Sie alle hatten sich, mehr der wirtschaftlichen Not gehorchend als dem europäischen Triebe, der Gemeinschaft erst genähert, als die Europäer in Edward Heath schon längst einen der ihren erkannten. Da waren sie nun: John Lynch, den der Zwist im nördlichen Bruderland Ulster stärker beschäftigt als die Zukunft der Gemeinschaft und in dessen Delegation sich die Mitglieder am Vorabend der Unterzeichnung nicht etwa über europäische Perspektiven, sondern über mögliche Unterlassungssünden bei den Verhandlungen in die Haare geraten waren; Jens Otto Krag, der die Notwendigkeit des dänischen Beitritts nur skeptisch bejaht und dessen Außenminister schon während der Beitrittsgespräche das Festhalten an der gesellschaftspolitischen Konzeption seines Landes ankündigte; Trygve Bratteli, der zwar einen mutigen Kampf um den Beitritt führt, sich aber mehr auf die Probleme der Fischgründe und auf antikatholische Ressentiments konzentrieren muß als auf die Zukunft Europas.