An der deutschen Börse lief es in den ersten drei Januar-Wochen besser als erwartet. Am Rentenmarkt sorgten die am 1. Januar fällig gewordenen Zins- und Tilgungszahlungen für den vorausgesagten Anklageschub. Die Kreditinstitute waren in der Lage, selbst die ältesten Ladenhüter abzusetzen. Ob sie es in allen Fällen getan haben oder noch Bestände zurückhalten in der Hoffnung, Kursgewinne zu erzielen, steht auf einem anderen Blatt. Vieles spricht dafür, daß wir schon sehr bald auch für Inlandsanleihen den Übergang zum siebenprozentigen Nominalzinssatz vollziehen werden. Vor wenigen Wochen war dieser Satz noch ein Fernziel, das nach Ansicht der Experten bestenfalls am Jahresende erreichbar sein sollte.

Mitbeteiligt an der Rentenhausse sind die Ausländer, deren Interesse an auf Mark lautende Auslandsanleihen auch nach der Neuordnung der internationalen Währungsparitäten nicht erlahmt ist. Die immer wieder aufflackernde Unruhe an der Währungsfront, sowie die Parole „Die nächste Mark-Aufwertung kommt bestimmt“ lassen es vielen internationalen Anlegern als ratsam erscheinen, in deutschen Wertpapieren engagiert zu bleiben beziehungsweise vorhandene Bestände zu vergrößern.

Wer allerdings behauptet, die Ausländer „machten“ die Hausse, sieht die Dinge nicht richtig. Getragen wird die Aufwärtsbewegung am Aktienmarkt in der Hauptsache von den Investmentfonds, die ihre im November begonnenen Käufe vorsichtig fortsetzen und gelegentlich auch einmal Gewinne realisieren. Deshalb vollzieht sich der Anstieg der Kurse auch nur langsam. Überhitzungserscheinungen, die als Warnzeichen hätten gewertet werden, müssen, hat es bisher nicht gegeben.

Es erhärtet sich vielmehr die Auffassung, daß in den Tiefstkursen des vergangenen Jahres alle negativen Momente der deutschen Konjunkturentwicklung und Ertragsgestaltung der Unternehmen vorweggenommen worden sind. Der Kurs der VW-Aktie liefert dafür das beste Beispiel. Er geriet auch dann nicht unter Druck, als sich VW-Chef Rudolf Leiding wenig glücklich über die Gewinnaussichten seines Unternehmens äußerte. Seit dem Herbst hat man sich an der Börse für 1971 auf eine Halbierung der VW-Dividende eingestellt – und für 1972 erwartet niemand eine Wiederanhebung. Ähnlich sah es bei der Preussag aus. Die offizielle Bestätigung des Dividendenausfalls blieb auf den Kurs ohne Reaktion, weil niemand etwas anderes erwartet hatte. K. W.