Die Prognosen für die Bauindustrie sind nicht dazu angetan, den Bauunternehmern Mut für die Zukunft zu machen. Dennoch: 850 Aussteller aus 13 Ländern treffen sich vom 29. Januar bis 6. Februar in München auf der „BAU 72“, einer internationalen Fachmesse für Baustoffe, Bauteile und Innenausbau. Dieses Jahr soll dem Fertig-, Montage- und Industriebau auf der Messe besondere Bedeutung zukommen.

Was stimmt an dem häufig erhobenen Vorwurf, die deutsche Bauwirtschaft arbeite noch mit vorindustriellen Methoden?

Reinig: Der Vorwurf stimmt sicherlich nicht. Vorindustrielle Methoden sind handwerkliche Methoden. Das Handwerk begnügt sich mit Material und Arbeitskräften. Arbeitskräftemangel und Lohnerhöhungen haben den Einsatz von Maschinen erfordert und damit die Produktivität der Bauwirtschaft erhöht. Das Maß ist bei den verschiedenen Bauleistungen verschieden hoch. Die Erhöhung ist am größten, wo die zu erbringende Leistung immer wiederkehrt und der Unternehmer die Gewißheit hat, ein Maschinenpotential ausreichend einsetzen zu können. Auch industrielle Methoden kommen nicht ohne Material und Arbeitskräfte aus. Darüber hinaus setzt aber die Industrie bessere Betriebsmittel und Organisationsformen ein. Die besseren Betriebsmittel sind Maschinen, Werkzeuge – bis hin zu Fertigungsstraßen. Die bessere Organisation liegt darin, daß sie die Arbeit weitgehend teilt und weitgehend in Fabriken durchführt, um zu besserer Koordinierung und zweckmäßigeren Arbeitsabläufen zu kommen.

Wie beurteilen Sie die weiteren Rationalisierungsmöglichkeiten?

Reinig: Rationalisieren heißt, herkömmliche Methoden durch bessere, verstandesmäßig durchdachte Methoden zu ersetzen. Auf das Bauen übersetzt, heißt dies, eine bessere Organisation im Bauen finden. Das schließt Auftraggeber, Architekten, Fachingenieure und Baugenehmigungsverfahren mit ein. Solange nur gefordert und entworfen wird, ohne die Fertigungsmethoden dabei zu berücksichtigen, werden die Rationalisierungserfolge auf bescheidene Beiträge begrenzt sein. Es ist eine andere Arbeitsteilung als bisher und eine bessere Koordinierung aller am Bau Beteiligten notwendig; daß heißt für die einen, liebgewordene, aber schlecht gelöste Teilaufgaben dem anderen überlassen; für die anderen heißt es, die industriellen Erfahrungen und Organisation auch auf das Bauen anzuwenden.

Ist Rationalisierung ausschließlich über eine verstärkte Technisierung der Betriebe möglich?

Reinig: Die Technisierung ist nur ein Teilgebiet der Rationalisierung. Auch eine größere Spezialisierung der Fertigung wird eine höhere Produktivität mit sich bringen. Die Erkenntnisse der Arbeitsteilung sind schon seit Adam Smith bekannt, aber beim Bauen noch nicht, genügend verwirklicht. Geht jemand nur einer engen Aufgabenstellung nach, so wird er eher in die Lage versetzt, die Arbeitskraft durch Maschinen und maschinelle Anlagen zu ersetzen. Die Mechanisierung setzt eine Spezialisierung voraus. Die Spezialisierung allerdings verlangt den größeren Markt. Es muß nach Systemen gefertigt werden, auf die viele zurückgreifen. Die industrielle Fertigung verlangt nicht die Normung ganzer Bauwerke, sie erfordert lediglich die Normung von Bauteilen, um unabhängig vom Bauobjekt in großen Stückzahlen auf Vorrat arbeiten zu können, wie dies in der Arbeitsteilung der Industrie auf anderen Gebieten längst der Fall ist. Mit der Möglichkeit der Vorratsfertigung wäre auch eine bessere Auslastung der Kapazitäten möglich und die ungesunde Überforderung der Bauwirtschaft in Boomzeiten reduziert.