Als er 1957, im Wahlkreis Kassel direkt gewählt, in den Bundestag einzog, hätte er sich mit einigem Geschick alsbald zum Aushängeschild der Arbeitnehmerpartei SPD aufpolieren können. Noch unmittelbar vor seiner Wahl zeigten ihn Photos als Betonmischer im buntkarierten Arbeitshemd auf einem Kasseler Neubau. Weil er seine verwitwete Mutter zu ernähren hatte, war er über den Mittelschulabschluß nicht hinausgekommen und mußte sich fortan alles als Autodidakt erarbeiten. Obendrein war er damals mit 26 Jahren der „Benjamin“ des Parlaments.

Doch Holger Börner, von der kommenden Woche an in der Nachfolge Hans-Jürgen Wischnewskis neuer SPD-Bundesgeschäftsführer, fragte in Bonn nicht nach Würden, sondern nach Bürden. Die Fraktion schickte ihn zunächst in das „Bleibergwerk“ des Parlaments, in den Petitionsausschuß, wo es nur mühselige Kleinarbeit gibt. Dort entdeckte der junge Börner die Sozialpolitik; über soziale Fragen der Bundeswehr kam er zur Verteidigungspolitik; dann wurde er 1965 Vorsitzender des Verkehrsausschusses, 1967 schließlich Parlamentarischer Staatssekretär bei Verkehrsminister Leber. In den Fragestunden des Bundestages oder in den Sitzungen der Sozialdemokratischen Fraktion wirkt der 1,88 Meter große Koloß, der zu seinem Kummer mittlerweile mehr als 100 Kilo auf die Waage bringt, oft wie ein leibhaftiger Schutzwall Lebers.

Den Mangel an Rhetorik gleicht Börner durch Verbindlichkeit und Substanz aus. „Man bekommt“, so ein Abgeordneter der Opposition, „von ihm nie Schaumgebäck, sondern Schwarzbrot.“ Das schließt nicht aus, daß der 42jährige die politische Hausmannskost gelegentlich mit Aperçus pfeffert, freilich nur im internen Kreis. Die Bundesbahn, so erklärte er kürzlich einem hartnäckigen Frager nach den Ursachen für das chronische Defizit dieses Unternehmens, sei im Grunde nichts anderes als „eine Sozialkasse, die eine Eisenbahn betreibt“.

Börner hat lange gezögert, die Plattform des Parlamentarischen Staatssekretärs aufzugeben, die eines Tages zum Sprungbrett für den Posten des Bundesbahnpräsidenten hätte werden können. Sein Sinn für Treue aber und Parteiräson waren stärker als persönliche Ambitionen.

Das Amt des SPD-Bundesgeschäftsführers ist ein Unikum, weil der Amtsinhaber gewissermaßen ein Selbständiger im Status eines Abhängigen ist. Börner kann zwar die Geschäfte der Partei souverän führen und soll über den bloßen Funktionär hinaus eine politische Figur sein; zugleich aber ist er als Angestellter der Partei dem Vorstand und Präsidium, die den politischen Kurs bestimmen, und dem Schatzmeister Alfred Nau unterworfen, der über das Geld verfügt. Er ist also ein Mann zwischen mehreren Stühlen.

Die Frage ist nun, ob und wie schnell Börner zu jener von allen Gruppen in der Partei akzeptierten Integrationsfigur werden kann, die der Bundesgeschäftsführer neben dem Parteivorsitzenden sein muß. Börner sieht sich als Repräsentant des „Machbaren“. Bei den Jusos hingegen, deren Vorsitzender er vor langen und damals noch friedlichen Jahren war, gilt er als Vertreter des Establishments. Börners größtes Risiko besteht darin, daß er die Geschäfte der Partei nur knapp anderthalb Jahre vor einem Bundestagswahlkampf übernimmt, bei dem es auf Biegen und Brechen gehen wird. Bei einem Fehlschlag wird er die Prügel einstecken müssen.

Was Wunder, wenn sich bei vielen seiner Fraktionskollegen in den Respekt für Börners Zusage auch einiges Erstaunen mischt. „Unser Betonarbeiter“, sagt einer von ihnen, „legt nicht nur Fundamente, er baut jetzt auch hoch.“

Carl-Christian Kaiser