Credo einer neuen Klasse

Schwierigkeiten des Fernsehens mit den Homosexuellen von Wolf Donner

Von Wolf Donner

Durch eine Anzahl von Fernsehereignissen sieht sich die Minderheit der Homosexuellen plötzlich ins grelle Licht der Öffentlichkeit gezerrt. Am 14. Januar zeigte das ZDF eine Reportage von Eva Müthel: „Und wenn Ihr Sohn so wäre?“ und diesen Donnerstag folgte der WDR im Ersten Programm mit Claus-Ferdinand Siegfrieds Bericht „§ 175. Fragen an Homosexuelle und an uns selbst.“ Am 31. Januar sollte schließlich im Ersten Programm Rosa von Praunheims umstrittener Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ gezeigt werden – er wurde von der ARD-Programmkonferenz kurzfristig abgesetzt und läuft nun am gleichen Tag im Dritten Programm des WDR, zusammen mit Siegfrieds Bericht und einer Live-Diskussion. Gegen die Absetzung des Praunheim-Films haben Jungfilmer-Verbände und progressive Homosexuellen-Gruppen protestiert

Zwei Fernseh-Features, ein semi-dokumentarischer Zielgruppenfilm und ein neuer Fall von Fernsehzensur: Möglichkeiten, ein scheinbar noch immer delikates Problem in der Öffentlichkeit abzuhandeln, und der Versuch, die entfachte Diskussion willkürlich abzublocken.

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„Der Öffentlichkeit entziehen ... abgewöhnen ... kastrieren ... ’ne Schweinerei... gegen die Natur ... krank ... der Untergang des Abendlandes, siehe Rom und Griechenland“ – solche Äußerungen in den beiden Fernsehfilmen machten bei aller Fragwürdigkeit des Spontaninterviews deutlich, wie unausgegoren die Diskussion über Homosexualität noch ist. Trotz der Revision des Paragraphen 175 vor zweieinhalb Jahren wollen über fünfzig Prozent der Deutschen noch immer nichts wissen von Männern, die Männer lieben. Der katholische Priester, der im WDR-Film für den Kirchenausschluß von Homosexuellen plädierte und ihnen Sublimation, chemische Mittel oder Kastration empfahl, gehört genauso in das gegenwärtige Bild wie die Progressiven, die sich politisieren wollen und verkünden: „Schwulsein ist schön, und die Gesellschaft hat das zu akzeptieren.“

Die zwei Fernsehberichte versuchen es, eine quasi-liberale Stellung zu halten, der ZDF-Film relativ brav und konventionell, der WDR-Film zunächst phantasievoller in der Form und gründlicher die gängigen Vorurteile und Thesen aufzählend, um dann doch fatal ins allgemein Menschliche abzugleiten (wobei dem Autor zugute zu halten ist, daß er bewußt die Ergänzung durch den Praunheim-Film eingeplant hatte).

Die wesentlichen Ergebnisse beider Produktionen: die Imitation der heterosexuellen Ehe entspricht dem Wunsch, unauffällig zu bleiben, und macht die Homosexuellen ihrer Umwelt sympathisch; sie sind unter sich zerstritten, haben Angst vor dem Alter, leiden an ihrer Isolation und Diskriminierung und suchen die gesellschaftliche Anerkennung, werden aber durch die Arbeitswelt und die trostlose homosexuelle Subkultur permanent daran gehindert, sich selbst zu akzeptieren; die biophysische Tatsache und latente Möglichkeit der Bisexualität wird von der Babywäsche an (blau – rosa) bis zur Erziehung und Werbung ständig zu Gunsten des traditionellen männlichen und weiblichen Idealtypus negiert; in Witzen über und Aggressionen gegen Homosexuelle entlasten sich viele Männer von eigenen Wünschen und machen diejenigen zum Sündenbock, die tun, was sie selber nicht Wollen dürfen; die heutige Sexualmoral und besonders die Haltung gegenüber der Homosexualität ist eine Folge des bürgerlichen neunzehnten Jahrhunderts und des Dritten Reiches, in dem die „175er“ wie zu keiner anderen Zeit verfolgt wurden (grotesk im WDR-Film Hitlers ganz und gar schwule Rede über den „schlanken und ranken“ deutschen Jungen!).

Der Filmmacher Holger Mischwitzky, der sich Rosa von Praunheim nennt, kümmert sich wenig um solche generellen Aspekte und Erklärungen, sondern setzt viel rigoroser bei denen an, die er nicht geziert „Homophile“, sondern einfach „Schwule“ nennt. Er wollte keinen „verlogenen Anpassungsfilm“, der „mit sehnsüchtig verklemmtem Schwulenblick bei den ‚Normalen‘ um Toleranz bettelt“, sondern den radikalen Film von Homosexuellen mit Homosexuellen für Homosexuelle. Sie sollen sich endlich emanzipieren, das „ständige Versteckspiel vor der Gesellschaft“ aufgeben und ein „schwules Selbstbewußtsein“ entwickeln: „Seid stolz auf eure Homosexualität!“

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