Von Stabilität wird nur noch geredet: drei Prozent Teuerung pro Jahr hält nun auch Karl Schiller für normal

Der Tadel war milde. Karl Schiller übte nicht eigentlich Kritik an den jüngsten Preiserhöhungen der Automobilkonzerne, er bezeichnete sie lediglich als „riskant“. Und das sind sie in der Tat: höhere Benzinpreise, höhere Reparatur- und Versicherungskosten, nun auch höhere Anschaffungspreise – das kann durchaus zu einem bedrohlichen Absatzrückgang führen, vor allem im Bereich der Klein- und Mittelklassewagen.

Was aber bleibt der Automobilindustrie anderes übrig als „Flucht nach vorn“, als der Versuch, höhere Preise am Markt durchzusetzen? Die Steigerungen der Lohn- und Materialkosten und die drastische Reduzierung der Einnahmen aus dem Auslandsgeschäft als Folge der Paritätsänderungen haben die Unternehmen dieser Branche in ein Ertragstief geführt. VW-Chef Leiding hat erklärt, sein Konzern müsse 1972 rund eine Milliarde Mark mehr einnehmen, um auch nur das – im Vergleich zu früheren üppigen Jahren – sowieso schon schlechte Ergebnis von 1971 wieder zu erzielen.

In diesen Wochen wird den Unternehmern der Bundesrepublik oft vorgeworfen, sie seien „Boom-Experten“, sie hätten leichtfertig eine immerwährende Hochkonjunktur erwartet. Um beim Beispiel VW zu bleiben: Hätte der Vorstand etwa im Frühjahr 1968 bei einer Investitionsplanung für die Jahre 1969 bis 1971 im Ernst unterstellen sollen, daß am Ende dieser Periode die Mark gegenüber dem Dollar um rund 20 Prozent aufgewertet worden ist? Nicht bei jedem Automobilunternehmen ist die Lage so prekär wie in Wolfsburg, aber im Grundsatz stehen alle Firmen vor den gleichen Problemen: Sie müssen im Inland wie auf den Exportmärkten die Preise erhöhen – selbst auf die Gefahr hin, dadurch Käufer zu verlieren.

Die Regierung in Bonn unterstellt denn auch, daß der Preisauftrieb zunächst in kaum vermindertem Tempo weitergehen wird. Die Annahme, daß die Lebenshaltungskosten 1972 um 4 bis 4,5 Prozent höher sein werden als im Vorjahr, erscheint einigermaßen realistisch. Im letzten Jahreswirtschaftsbericht waren 1,8 bis 2,3 Prozent Teuerung für 1971 vorausgesagt worden – 5,2 Prozent sind es dann geworden. Dennoch wird der Wirtschaftsminister Glück brauchen, um wenigstens dieses Maß an „Stabilität“ zu erreichen.

Überhaupt hat sich, von der Öffentlichkeit noch kaum registriert, bei Karl Schiller offensichtlich ein Sinneswandel vollzogen. Der Politiker, der sich als Symbol für Stabilität stilisieren wollte, ist dabei, seinen Frieden mit der „Inflation“ zu machen. In der mittelfristigen Vorausschau des Wirtschaftsministeriums wird für die Jahre bis 1976 eine Teuerung bis zu drei Prozent pro Jahr unterstellt.

Man muß sich erinnern: Karl Schiller hat wieder und wieder Stabilität als Preissteigerung von nicht mehr als ein Prozent jährlich definiert. Im Wahlkampf 1969 war er als eine Art Hauptankläger gegen „Inflationisten“ aufgetreten – bei Teuerungsraten von wenigmehr als zwei Prozent. Nun werden drei Prozent für durchaus normal erklärt.