Von Hans Otto JEglab

Hier kann man mit Lust und Liebe für die Lust und Liebe tätig sein“, rief der Flensburger Oberbürgermeister aus, als er das im Volksmund „Sex-Eck“ genannte sechseckige Haus Gutenbergstraße 12 zum erstenmal betrat. Dabei blickte der an schlichtes Behördenmobiliar gewöhnte Stadtvater begeistert auf eine mit geradezu verschwenderischer Großzügigkeit angelegte Bürolandschaft: aus einem über tausend Quadratmeter großen honiggelben Teppichboden ragen weiß angemalte präparierte Bäume mit riesigen Papierblumen in den kahlen Ästen. Dazwischen, wie willkürlich aufgetragene Farbtupfen, blaue „Pohlschröder“-Stahlschränke und -Schreibtische, weiße und lila Plastiksitzmöbel, rote, gelbe und orange Papierkörbe und da und dort ein Luftballonarrangement.

Dezente Hintergrundmusik aus unsichtbaren Klangkörpern unter der Wabendecke sorgt für einen gleichmäßigen Stimmungspegel. Dem körperlichen Wohlbefinden in diesem Burggarten Eden dient eine mit Hilfe sensibler Stabthermostaten gesteuerte automatische Klimaanlage. Zwei repräsentative Freitreppen aus afrikanischem Edelholz führen auf die Galerie der stilvollen Großraumidylle, wo – durch spanische Wände abgeschirmt – luxuriöse „Pausenzonen“ angelegt sind, mit kleinen Kaffeeküchen, Kühlschränken für kalte Getränke und Schaumstoffsesseln, die leicht in bequeme Liegen zu verwandeln sind.

In diesem Lust- und Liebesgarten lehnt an einem modernen „Miller-Action-Office“-Stehpult eine 1,68 Meter große Frau. Blondes Haar, Minikleid, anstatt Schmuck nur eine Plakette mit der Aufschrift „make love not war“: Beate Rotermund, geborene Köstlin, verwitwete Uhse. Vor zwanzig Jahren begann sie, sexuelle Aufklärungsschriften zu versenden, in der Pfarrei der katholischen Kirche St. Marien, wo sie ein kleines Zimmer bewohnte. Heute verschickt das Versandhaus Beate Uhse täglich bis zu 12 000 Pakete und Päckchen mit Verhütungsmitteln, erotischen Büchern und Schallplatten, mit Pillen, Salben und Säften. Über eine Kette von 26 Läden zwischen Flensburg und München bringt das Unternehmen etwa noch einmal die gleiche Menge Schlafzimmerrequisiten unter das Volk.

Es gibt in der Bundesrepublik schätzungsweise 150 Versender erotischer Artikel und 180 Besitzer von Sexläden. Aber nur Beate Uhse glückte ein wirklich durchschlagender Erfolg, nur sie vermochte ihrem Namen das Profil eines unverwechselbaren Markenzeichens zu geben.

Anders als die meisten ihrer Konkurrenten, die ihr beargwöhntes Gewerbe in dunklen Kellerverliesen aufzogen und ihre Offerten anonym über Chiffreanzeigen abgaben, identifizierte sich die Untermieterin von St. Marien von Anfang an mit ihrem Geschäft. Es entmutigte sie nicht, wenn die Polizeit bei Hausdurchsuchungen ihre privaten Photoalben durchschnüffelte, als die örtliche Zeitung die Stellenanzeigen ihrer Firma zurückwies, als sich der Tennisklub, dem sie gern beigetreten wäre, weigerte, sie als Mitglied aufzunehmen und als sie sich selbst nach Jahren erfolgreicher Arbeit von der ehrpusseligen Gesellschaft Flensburgs eher gemieden als toleriert fühlen mußte. Ja, es störte sie nicht einmal, daß Pfarrer in der Provinz ihren sittlich gefährdeten Schäflein den Rat gaben, sich in der Sakristei vorgedruckte Beleidigungsklagen abzuholen, falls sie unaufgefordert ein Uhse-Angebot erhalten sollten.

Ihre natürliche Betrachtungsweise zwischenmenschlicher Beziehungen verdankt Beate Uhse Eindrücken, die sie in der ländlichen Atmosphäre ihres elterlichen Gutshofs in Wargenau bei Cranz in Ostpreußen empfing. Über ihre ersten Lebensjahre vermerkt der firmenoffizielle Lebenslauf: „Sie erlebte die Freuden und Sorgen in Haus und Hof, sah alte und junge Menschen bei ihrer Mutter Rat holen in den großen und kleinen Problemen des Alltags, denn Mutter war Ärztin gewesen und damit zuständig“ für alles, was Kopfschmerzen machte um Mensch und Tier.“