Erst Suhrkamp, dann Rowohlt, kleinere nicht mitgezählt: nunmehr hat auch der Luchterhand Verlag jene Krise, die offenbar unvermeidlich ist, wo bürgerliche Verlage sich für ein Stück Weg auf linksradikale Literatur einlassen. Natürlich, alle die Fälle der letzten Zeit, in denen Linke entlassen wurden, sind unvergleichbar. Trotzdem kann nur eine spezielle Schwerhörigkeit den gemeinsamen politischen, Generalbaß überhören.

Nunmehr also traf es Frank Benseler, den Leiter der soziologischen Abteilung des Luchterhand Verlags. Während er auf Dienstreise war, brachte ein Eilbote seiner Frau die Kündigung. Der Grund: Benseier habe in eine zweibändige Anthologie mit Texten zur Soziologie der DDR, herausgegeben von dem Bielefelder Professor P. C. Ludz, unter anderem auch drei Beiträge aufgenommen, zu deren Abdruck der Ostberliner Dietz-Verlag die nötige Genehmigung verweigert hat; der Luchterhand Verlag, zur Zeit in Sachen Solschenizyn mit dem Monster-Urheberrechtsprozeß gegen den Verlag Langen Müller beschäftigt, könne sich eine Urheberrechtsverletzung im Augenblick schon gar nicht leisten; die Anthologie könnte darum nicht ausgeliefert werden, und Benseler habe dem Verlag einen Schaden von rund 50 000 Mark verursacht.

Der Grund wirkt massiv; und doch auch fadenscheinig. Schließlich arbeitet Benseler seit vierzehn Jahren bei Luchterhand; das von ihm verantwortete soziologische Programm – ein Programm mit linkem Schwerpunkt, aber ohne engstirnigen Dogmatismus – hat dem Verlag maßgeblich zu seinem heutigen Renommee mitverholfen. Benselers fahriger Arbeitsstil wurde all die Jahre über erträglich gefunden; und auch Pannen in anderen Verlagsbereichen sind nicht gleich mit Expreßkündigungen geahndet worden.

Also muß man sich doch nach anderen Gründen umsehen. Sie liegen hier nur zu deutlich auf der Hand. Als einer der Wortführer der zur Zeit ruhenden Beinahe-Organisation der „Literaturproduzenten“, die einmal eine Art Rote Zelle Buchhandel darstellen wollte, hat Benseler es an Radikalität nicht fehlen lassen; ihre Vehemenz nahm mit der Nähe eines Saalmikrophons zu. Der Verlag andererseits lebt hauptsächlich von Gesetzestexten, nicht aber von revolutionärer Literatur. Verwunderlich ist bei den unter solchen Umständen unausbleiblichen und auch nicht ausgebliebenen Konflikten weniger der jetzige Eklat als der Umstand, daß er so lange vermieden wurde. Er zeigt, wieviel Sinn fürs Mögliche und Umgänglichkeit beide Seiten aufgebracht haben.

woran liegt es, daß sie nun nicht mehr ausreichte? Ich vermute: an den derzeitigen Druck-Verhältnissen. Auf der einen Seite der Druck der Verlagsleitung, der Benseler sicher nie geheuer war, verstärkt durch den wachsenden Kostendruck, auf den besonders empfindlich reagiert wird, wenn ein solcher Linker nun auch noch fahrlässig unnötige Kosten verursacht. Auf der anderen Seite der nachlassende Druck der linken Fronde, der denen, die über den Apparat gebieten, noch vor kurzem zu große Angst vor drastischen Maßnahmen eingejagt hätte.

Doch nachdem schon im letzten Jahr mehrere wichtige Mitarbeiter von sich aus den Verlag verlassen hatten, haben nun sieben weitere ihre solidarische Kündigung eingereicht. Die meisten von ihnen, so scheint es, würden auch dann nicht bleiben wollen, wenn Benselers Kündigung unwahrscheinlicherweise zurückgenommen würde: „Es wäre nur die Rückkehr in die alte autoritäre Scheiße.“

Bleibt es aber bei den Kündigungen, so wird der Verlagsleiter Otto F. Walter, in dessen Person die Manager- und Lektoreninteressen kollidieren, bei der für den 1. April geplanten Übersiedlung der Verlagslektorate von Neuwied nach Darmstadt kaum noch Gesellschaft haben; Ruhe herrschte dann allerdings, denn vom Luchterhand Verlag wäre nicht mehr viel übrig. Dieter E. Zimmer