Rolf Kunkel erhielt vor einiger Zeit den Theodor-Wolff-Preis für seine Schilderung des Boxkampfes Clay – Frazier, die auf dieser Seite unter dem Titel „Superman im Staub“ erschien. Vor ihm hatte schon Bodo Harenberg die gleiche Auszeichnung für einen Beitrag auf der Sportseite der ZEIT bekommen.

Jetzt war Rolf Kunkel kurz vor Ausbruch der Unruhen in Rhodesien, um herauszufinden, ob dort ein gemischtrassiger Sport, wie das Internationale Olympische Komitee ihn für die Teilnahme an den Spielen voraussetzt, existiert oder nicht. Wie schwierig das ist, zeigt sein Bericht.

Salisbury, im Januar

Schon der Anflug auf Rhodesien ist ein kleines Abenteuer. Sambia Airways fliegt den Gast von Kenia nach Lusaka, der Hauptstadt des Landes, in deren Nähe rund 15 000 Chinesen damit beschäftigt sind, ein gewaltigesProjekt aus dem Urwald zu stampfen: eine Eisenbahnlinie von der Küstenstadt Dar es Salaam in Tansania nach Sambia. Maos Arbeiter sind, ebenso wie das gesamte Material, mit dem Schiff gekommen; ihre Anzahl deutet darauf hin, daß das Vertrauen der Chinesen in die Arbeitsmoral der schwarzen Afrikaner nicht besonders groß ist. Deutschen Entwicklungshelfern zufolge praktizieren die Asiaten ein komplettes Seifmade-Verfahren, auch kleinste Handgriffe erledigen sie selbst. Auf dem modernen, von Chinesen mitfinanzierten Flughafen ein kurzer Blick in die lokale Presse: Fußballänderspiel Sambia–China 2:5. Der Sportredakteur empfahl seinen Landsleuten, die Niederlage mit Fassung zu tragen: „Die kleinen Chinesen rannten viel schneller, und unsere Spieler liefen keuchend hinterher.“ Linksaußen Ben Zulu erzielte beide Tore für die Gastgeber, ein sportlich verpackter Hinweis auf den überall spürbaren Linkskurs des Landes. Wer in Lusaka ist, kann Rhodesien fast zu Fuß erreichen, aber das Flugzeug dreht ab in Richtung Malawi. Nur dort, wo Frauen, deren Röcke nicht bis unterhalb des Knies reichen, keine Einreisegenehmigung bekommen, erhält die rhodesische Luftfahrtgesellschaft Landeerlaubnis.

Der atmosphärische Unterschied an Bord der Air Rhodesia ist evident, endlich wird der Tee heiß serviert, und auch sonst fühlt man sich wie auf einem BEA-Flug von Manchester nach Düsseldorf. Spätestens mit dem Service des Einreiseformulars und der Frage nach der Rassenzugehörigkeit endet die Behaglichkeit. Die Stewardeß hilft aus der kurzfristigen Verlegenheit: „Europäer“ solle eingetragen werden. Rund tausend Kilometer unterhalb des Äquators scheint Europa mehr als ein geographischer Begriff zu sein, es gibt weder Schweden noch Italiener oder Holländer. Dann Landung in Salisbury. Fünf Minuten Zittern (war die ganze Reise umsonst?), schließlich das Okay für ein Transit-Visa und Staunen über das Entgegenkommen des Paßbeamten. Als hätte er ein schlechtes Gewissen wegen der umständlichen Prozedur, beklagt der Beamte die uralten Einreisebestimmungen, glaubt nicht, daß sie verbessert werden, bevor die politischen Verhältnisse sich geändert haben, bedauert, daß so wenig Deutsche hierherkommen, wünscht einen angenehmen Aufenthalt und entpuppt sich abschließend als Reiseleiter: „Sie müssen unbedingt zu den Viktoria-Fällen.“

Klischee Vorstellungen

Der Zoll ist passiert, Gepäck und Gedanken können geordnet werden. Kann persönlicher Augenschein Subjektivität in Objektivität verwandeln? Schon die Fahrt in die Innenstadt bestätigt Klischeevorstellungen: Villen und Bungalows säumen den Weg, mit weißen Besitzern und schwarzen Gärtnern. Das Hotel, in dem ich Quartier beziehe, hat in den letzten vier Wochen keinen deutschen Gast gesehen. Die City präsentiert sich als Mischung aus Kolonialstil und Mutterlandeinflüssen. 100 000 Europäer sollen hier leben und 300 000 Afrikaner (laut Touristenbüro), aber wo sind die Schwarzen? Bis auf ein paar Taxifahrer, Kellner, Hotelboys und Straßenreiniger scheinen sie nicht zu existieren. Im Vorraum eines Kinos gibt es zwei Toiletten: für Europäer und für Afrikaner (mit dem Zusatz: for other races also). Bin ich bewußt auf der Suche nach Anzeichen der Apartheid, oder sind das zufällige Entdeckungen? In einem Verwaltungsgebäude der Stadtbehörde kommt es zu einer besonders krassen Begegnung mit dem System: Es existieren zwei Fahrstühle, einer für Weiße, einer für Schwarze. Nur: Der Lift für die Afrikaner funktioniert nicht, Besucher müssen wieder umkehren. Absicht oder Zufall?