Der „historische Augenblick“ dauerte etwas mehr als eine Viertelstunde: Siebzehn Minuten brauchten die Regierungschefs Heath (Großbritannien), Lynch (Irland), Krag (Dänemark) und Bratteli (Norwegen), um am Samstagnachmittag im Brüsseler Egmont-Palais die EWG-Beitrittsverträge zu unterzeichnen. Treten sie wie geplant am 1. Januar 1973 in Kraft, wird die von sechs auf zehn Mitglieder erweiterte Gemeinschaft 257 Millionen Menschen umfassen, die größte Handelsmacht der Welt darstellen und durch die Assoziationsverträge fast jeden dritten Bewohner der Erde erreichen.

Vor der Ratifizierung der fast 4800 Seiten umfassenden Verträge, Abkommen und Protokolle liegen freilich für die vier neuen Mitglieder noch schwierige innenpolitische Auseinandersetzungen. In Dänemark, Irland und Norwegen finden Volksabstimmungen statt; in Oslo kann bereits ein Abgeordneter, der wegen der noch immer umstrittenen Fischereipolitik ins Lager der Beitrittsgegner abschwenkt, den Ausschlag geben. In London sieht sich die konservative Regierung einer entschlossenen Opposition gegenüber, die auf die über eine Million Arbeitslose hinweist – Heath erhielt die Billigung des Unterhauses zur Unterschrift am Freitag mit nur 21 Stimmen Mehrheit.

Die Brüsseler Zeremonie hatte sich um fast eine Stunde verzögert, weil eine junge Frau, eine gebürtige Deutsche, den britischen Premier beim Betreten des Palais aus persönlicher Verärgerung mit Druckerfarbe bewarf. Heath mußte erst Hemd und Anzug wechseln, bevor er sich zur Unterzeichnung begab. Der zur Zeit amtierende Ratspräsident, Luxemburgs Außenminister Thorn, beschleunigte anschließend die Zeremonie so, daß der Unterzeichnungsakt einen etwas nüchternen und geschäftsmäßigen Charakter erhielt.

Alle vier Regierungschefs äußerten die Hoffnung, daß der Beitritt ein „Abschluß und Neubeginn“ (Heath) sei, der die politische und wirtschaftliche Einigung Europas vorantreibe, so daß eine neue Phase des Aufbaus beginnen könne. Thorn wünschte der Gemeinschaft künftig mehr „Geist der Gemeinsamkeit“.

In den zehn Mitgliedsländern ist der Beitritt allgemein begrüßt worden. Selbst die beitrittsfeindlichen Zeitungen Englands erkannten an, daß Heath, der als britischer Europaminister 1963 am Veto des französischen Präsidenten de Gaulle scheiterte, einen persönlichen Erfolg errungen habe, den auch die Teilnehmer der Zeremonie am Samstag mit demonstrativem Beifall bedachten. Der amerikanische Präsident Nixon begrüßte die Ausdehnung der EWG, die im Sinne der USA sei. Die amerikanischen Zeitungen hingegen versteckten die Meldungen auf den hinteren Seiten und ließen die Sorge vor einer wirtschaftlichen Schwächung der Vereinigten Staaten durchblicken.

Moskau reagierte, wie erwartet, verärgert. Englands Beitritt werde nicht nur den amerikanischen Einfluß in Europa vergrößern, sondern auch die angestrebte Sicherheitskonferenz gefährden. Zudem könne die englische Wirtschaft – so die Prawda – in der Gemeinschaft nur die Rolle des trojanischen Pferdes spielen. Die französische Presse verneinte in ihren Leitartikeln, daß durch die Unterzeichnung von Brüssel die politische Integration der Europäischen Gemeinschaft einen Schritt näher gerückt sei.