Die Regierung darf nicht länger zusehen, wie Industrieverbände auf eigene Faust Außenhandelspolitik treiben. Die Stahlindustrie gibt ein schlechtes Beispiel

Um Schlimmeres zu verhüten... So oder ähnlich begründen Europas Stahlbosse ihre Bereitschaft, sich bei Exporten in die USA „freiwillig“ Selbstbeschränkung aufzuerlegen. Sie üben sich bereits seit 1969 auf dem US-Markt in Zurückhaltung und wollen dies wohl auch in Zukunft tun. In Washington werden jedenfalls bereits entsprechende Erfolgsmeldungen verbreitet.

Seit Monaten fliegt Jacques Ferry, Präsident des französischen Stahlverbandes, zwischen Paris und Washington hin und her, um im Namen der EWG-Stahlindustrie über eine Verlängerung des 1971 ausgelaufenen Abkommens zu verhandeln. Europäer und Japaner hatten sich darin verpflichtet, ihre Stahllieferungen an US-Kunden auf 5,2 beziehungsweise 5,3 Millionen Tonnen zu begrenzen und jährlich um höchstens fünf Prozent zu steigern. In Zukunft soll es nach dem Willen Washingtons noch weniger sein.

Die Gespräche Ferrys stehen in einem merkwürdigen Gegensatz zu den Verhandlungen, die Nixons Sonderbeauftragter William Eberle in Brüssel führt. Die Amerikaner fordern dort im Namen des freien Welthandels sehr massive Zugeständnisse zugunsten ihrer Exporteure und beschuldigen, die Gemeinschaft des Protektionismus.

Derartige Widersprüche in seiner Handelspolitik stören Richard Nixon und seine Berater offenbar wenig – und die Lobbyisten im US-Kongreß schon gar nicht.

Nirgendwo findet der freie Welthandel nämlich so engagierte Befürworter wie in Washington – wenn es darum geht, der eigenen Industrie fremde Märkte zu öffnen. Und nirgendwo werden Handelsbeschränkungen so rückhaltlos angeprangert wie dort – wenn US-Exporteure davon betroffen sind. Geht es dagegen darum, die eigene Wirtschaft vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen, neigt man in Washington eher zu einer anderen Betrachtungsweise.

Bei den Verhandlungen über Selbstbeschränkungs-Abkommen pflegen die Vertreter der amerikanischen Regierung ihre politisch unerfahrenen Gesprächspartner aus dem Kreis der betroffenen Industrieverbände mit dem Hinweis auf die bösen Protektionisten im Kongreß zu erschrecken: Wenn die Lieferungen nicht freiwillig eingeschränkt würden, drohten sehr viel härtere gesetzliche Maßnahmen.