ARD, Dienstag, 18. Januar: „Zur schönen Aussicht“, von Ödön von Horváth

Zu den Bärendiensten, die eine hochflutende Wiederentdeckungswelle dem Werk Ödön von Horváths erwies, gehörte leider auch die Hollmannsche Fernsehfassung der Komödie „Zur schönen Aussicht“. Schon deshalb sollte man eiligst hinzufügen, daß dies um so schmerzlicher ist, da Hollmann mit seiner Basler „Kasimir und Karoline“, mit seiner Stuttgarter „Italienischen Nacht“ und, in gewisser Weise, mit seinen Düsseldorfer „Geschichten aus dem Wiener Wald“ entscheidend zum Horvath-Comeback und Horvath-Verständnis beigetragen hat.

Warum also landete Hans Hollmann jetzt in dieser peinlichen Sackgasse, in der Fernseh-Zuschauer, die dem Namen Horváths hier vielleicht zum erstenmal begegneten, sich verärgert und verwundert die Augen reiben mußten, daß man um einen Autor, der für einen derart angestrengt aufgeteilten Unsinn verantwortlich schien, bisher soviel begeistertes Getöse veranstaltet hatte?

Zunächst: das Stück ist ein Frühwerk, dem der Schweiß symbolistischer Überhöhungssucht nur zu deutlich auf der Stirne steht. Die Figuren werden hier noch um jeden Preis „entlarvt“; statt späterer diffiziler Menschenkenntnis waltet hier noch eine verzweifelte Wut der Anprangerung vor, die die Figuren und die Handlung, statt auf der Erde, in irgendeiner expressionistischen Hohlwelt ansiedelt, wo sie Gift und Galle speien.

Anstatt dem entgegenzuarbeiten, anstatt sich zumindest an die Figur der Christine zu halten, in der Horváth seine späteren genau-barmherzigen Mädchenporträts zumindest vorskizziert hat, verfiel Hollmann dem technischen Spielzeug Fernsehen, das ihm ein besonderes Aufnahmeverfahren zur Verfügung gestellt hatte. Ergebnis: ein antiseptisches Fernseh-Niemandsland, in dem Räume nur dazu da waren, daß sich Personen-Arrangements von ihnen wirksam abhoben. Und Personen, die Gesichter und Glieder verrenkten, um dieser veräußerlichten Arrangierlust gerecht zu werden.

Dazu kam, daß Hollmann, der in seinen Horváth-Theaterinszenierungen durch vergrößerte Gesten und eine verfremdete Sprachführung der Gefahr des Einfühlungsnaturalismus erfolgreich entgegengearbeitet hatte, diese Mittel gedanken- und bedenkenlos auf den Bildschirm übertrug. Was bei der Fernseh-Übertragung des Steinschen „Peer Gynt“ ärgerliches Nebenprodukt war – nämlich, daß sich bestimmte Theatermittel auf dem Bildschirm fremd, falsch künstlich, isoliert und ungemäß ausnehmen – war hier Fehlkalkül einer fernseheigenen Produktion.

So verwandelte sich die arme Reinhild Solf, zu einem Dauersächseln angehalten, zu dem Hintertreppenwitz eines Dialekt-Schwanks, und um sie herum sah man Schauspieler, die man sonst ebenfalls schätzen gelernt hat, ihre Gesichter so in angestrengt böse Falten legen, als wollten sie in einer Freilichtaufführung irgendwo im Fichtelgebirge einen für Touristen besonders eindrucksvollen Mephisto spielen. Und zwar allesamt.

Hellmuth Karasek