Hört doch auf mit dem Gerede, daß man in den Gefängnissen auf die Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorbereitet werden soll. Überall da, wo ich gesessen habe, konnte man immer noch leichter in Kriminalität ausgebildet werden.“ Das sagte einer der vielen Gefangenen, die im Anschluß an den Aufstand in französischen Gefängnissen nach ihren Erfahrungen gefragt wurden. Die Bemerkung steht nicht im Bericht der „Kommission Schmelck“, der soviel Aufsehen erregte und über den Regierung und Öffentlichkeit, jetzt nachdenken. Vielleicht hätte sie nur entmutigend auf alle gewirkt, die sich jetzt in Frankreich der schwierigen Frage annehmen wollen: Wie kann man den Verbrecher im Gefängnis auf die Rückkehr in die Ge-Seilschaft vorbereiten, ohne den zweiten Gedanken des Strafvollzugs zu vernachlässigen – den Schutz der Gesellschaft vor den Verbrechen?

Die „Schmelck-Kommission“, der fünf erfahrene Beamte der Justiz angehörten, war beauftragt, die Zustände im Gefängnis in Toul zu untersuchen, wo im Dezember die 540 Gefangenen dreimal gemeutert hatten. Der letzte und schwerste Aufstand hatte nur darum nicht mit einem Blutbad geendet, weil die Gefängnis-Geistlichen noch genug Vertrauen für ihre Vermittlungsaktion fanden, ihre Kapelle war auch von den gut organisierten Aufständischen vor der Zerstörung bewahrt worden.

Die Kommission warf, ohne die Zustände von Toul zu verallgemeinern, die Frage nach der Praxis des Strafvollzugs allgemein auf. Ihr Vorsitzender, Robert Schmelck, Generalstaatsanwalt beim Obersten Berufungsgericht, faßte seine Eindrücke so zusammen: „Ich habe Sachen entdeckt, die ich nie geahnt hätte...“ – Dabei war er keineswegs ein Neuling. Er stand bereits vier Jahre lang an der Spitze des Verwaltungsapparats der Gefängnisse. Der „Schmelck-Bericht“ wurde auf Veranlassung von Premier-Minister Chaban-Delmas unverzüglich veröffentlicht. Die Regierung zog es vor, die öffentliche Diskussion selbst auszulösen. Justizminister Pleven legte inzwischen dem Ministerrat die ersten Reformpläne vor. Sie sind von den Vorschlägen inspiriert, die Schmelck auf Grund der Ermittlungen formulierte.

Zu den schwersten Mißständen in Toul, die der Schmelck-Bericht aufdeckte, gehörte der häufige Gebrauch eines „Zwangsgürtels“, einer modernen Ausführung der Zwangsjacke und wie diese dazu bestimmt, Gefangene bewegungsunfähig zu machen, wenn sie „durchdrehen“, um sich schlagen oder vielleicht Hand an sich legen. Der Zwangsgürtel soll nur auf Anordnung des Gefängnis-Psychiaters angelegt werden oder durch seine unverzügliche Zustimmung nachträglich gutgeheißen werden. In Toul wurde er als Strafmaßnahme von der Gefängnisleitung verordnet oder von den Aufsehern benutzt. Der Anstaltspsychiater, Frau Dr. Rose, wurde in keinem Fall befragt. Mit diesem Zwangsgürtel wurden die Gefangenen oft tagelang aufs Bett geschnallt.

Andere Schikanen entbehrten der äußeren Gewalt: Die Briefe, auf die die Gefangenen ein Anrecht hatten, wurden in jedem Fall streng, langsam und ohne einleuchtende Maßstäbe zensiert. Wer ein Familienphoto geschickt bekam, durfte es nur behalten, wenn er dafür ein anderes Photo zurückgab. Erlaubnis zu anderem Briefverkehr als nur mit engen Familienmitgliedern wurde kaum gewährt. Am Sport durfte nur teilnehmen, wer sechs Monate guter Führung hinter sich hatte. Innerhalb von nur zwei Monaten, Oktober und November 1971, wurden aber gegen die 540 Gefangenen 191 formelle Strafen verhängt, weil sie die Hand in der Tasche oder Brot unter der Matratze gehabt hatten.

Die Strafe war in vielen Fällen verschärfte Haft, vor allem während der Wochenenden – das heißt, der Besuchstage – und der Entzug von Lebensmitteln wie Milch, Fleisch, Marmelade auf Tage oder Wochen. Eine häufige Strafe war der Arbeitsentzug und damit der Entzug des kleinen Verdienstes, der Kantinenkäufe erlaubte. Und all das bedeutete nebenbei noch für sechs Monate den Ausschluß von Sportübungen.

Der Vorwurf der willkürlichen Strenge richtet sich in erster Linie gegen den Gefängnisdirektor Galiana, der seine Karriere in den Gefängnissen Algeriens, begann und später in Nîmes gespannte Verhältnisse hinterließ. Es bestand zwischen ihm und der richterlichen Autorität der Anstalt, dem „Richter für die Durchführung der Strafen“, weder eine dienstliche noch eine persönliche Beziehung, sein Partner war außerdem taub. Die Gefangenen konnten mit diesem Richter, der für individuellen Strafvollzug sorgen sollte, nur schriftlich verkehren. Ihre Briefe durchliefen aber zunächst die Zensur des Gefängnisdirektors.