Im Stuttgarter Ballett wird seit geraumer Zeit gefeiert. Nicht, daß die Tänzer und ihr Ballettdirektor John Cranko auf der faulen Haut lägen. Ganz im Gegenteil: Cranko, seit über zehn Jahren in Stuttgart, hat sich nicht damit begnügt, die eingeführten Ballettypen, das abendfüllende oder konzertante Ballett, zu reformieren. Er hat mühsam den Apparat aufgebaut, den eine ausreifende Tanzkultur braucht. Im November eröffnete in Stuttgart das erste Ballettschul-Internat; als Probierstätte für junge Tänzer und Choreographen, aber auch zur Entlastung der ersten Kompanie wurde das Noverre-Ballett gegründet.

Über die Jahre hatte sich für das geheime Nationalballett eine so aufreibende Auslandstätigkeit entwickelt, daß es ihm zeitweise schwerfiel, das heimische Publikum noch zufriedenstellend zu bedienen. New York wurde vor zwei Jahren sozusagen auf Anhieb erobert, und jetzt stehen die Stuttgarter vor ihrer wohl schwersten Bewährungsprobe im Mekka des ehedem zaristischen klassischen Balletts, in Leningrad, Riga und Moskau.

Mit Feiern ist gemeint: Je mehr sich das Stuttgarter Ballett konsolidierte, etablierte, ja zum deutschen Renommierstück wurde, desto deutlicher trugen auch die einzelnen Arbeiten restaurative Züge. Sie wurden zusehends Choreographien der Bestätigung.

Die Junioren machten Cranko nach, Cranko selbst machte sich nach, und das manchmal schon fast hysterisch begeisterte Publikum reagierte am heftigsten dort, wo es sah, was es bereits kannte.

Ballettpremieren wurden zu Feierstunden, eine Tendenz, die aus dem Programm, das („Der Widerspenstigen Zähmung“ und „Eugen Onegin“) in die Sowjetunion geht, abzulesen ist wie aus dem Titel der Uraufführung in der vergangenen Woche: „Initialen R.B.M.E.“ zu Johannes Brahms’ zweitem Klavierkonzert B-dur ist laut Cranko „ein Ballett für die Freunde Richard, Birgit, Marcia und Egon zu Musik von Johannes Brahms, dessen leidenschaftlicher Sinn für Freundschaft und Liebe durch sein Werk wie seine Briefe und auch durch Zeugnisse anderer belegt ist“.

Crankos bisherigen Beiträgen zur choreographischen Erschließung absoluter Musik war gemeinsam, daß sie nicht von gängigen Vorbildern ausgehend die Musik bloß illustrierten, sondern völlig unorthodox Bewegungsvokabular und Dramaturgie ausbildeten, der Musik so neue Ansichten zugesellten.

Im Klavierkonzert nun gibt er seine eigenen Ansprüche weitgehend auf. Um die Freundschaft seiner Gladiatorenriege aus der Gründerzeit eines Stuttgarter Ballettwunders, um Richard Cragun, Birgit Keil, Marcia Haydée und Egon Madsen zu feiern, hat Cranko sich auf den beliebig austauschbaren Dutzendtypus des nachbuchstabierenden Divertissements eingelassen. Man sieht die Solisten nur manchmal zusammen, bei den schönen Verschlingungen von Cello und Klavier etwa Kopf an Kopf, in sanften statischen Momenten Hand in Hand, wenn es darum geht, dem Freund die Freundschaft zu zeigen, oder in einigen betont flüchtig arrangierten Durchläufen oder Durchzügen. Die Floskel „Freundschaft“ ist ein Vorwand, die Position dieser Stars im Repertoire, in der Kompanie darzustellen. Noch verkürzter: die Tänzer sind in jene Vorstellung gezwängt, die man sich, nach vielen Jahren und vielen Cranko-Balletten, inzwischen von ihnen macht.