Haare, kein Zweifel, sind immer noch „in“: Das Bayreuther Arbeitsgericht mußte sich mit den langen Haaren des Roland B. beschäftigen. Roland B. war Anlernling in einer Berufsgenossenschaft, deren „Mitglieder dem bäuerlichen Berufsstand entstammen“. Die Berufsgenossenschaftler nahmen an der Haarpracht ihres Lehrlings Anstoß und kündigten ihm. Das Gericht entschied: Die Kündigung ist unzulässig. In seinem Urteil heißt es:

„Der Kläger hat einen kräftigen Haupthaarwuchs und eine dunkle Haarfarbe, er trägt seine Haare in Form einer sog. langen Fasson, also gekämmt und kappenartig am Kopf anliegend. Die Haare, deren längste 13 cm messen, reichen vorne bis knapp über die Augenbrauen des Klägers und berühren hinten knapp den Hemdkragen (nach dem Haarschneiden enden sie 2 cm über diesem, wie in der Güteverhandlung vom 4. 11. 1971 festzustellen war). Die Ohren liegen beiderseits frei. Der Geschäftsführer der Beklagten trägt seine Haare kurz und so, daß sie nur die obere Kopfplatte bedecken ...

Neben der beruflichen Sphäre – so wichtig diese auch sein mag – bleibt dem einzelnen im Arbeitsverhältnis oder in der Berufsausbildung stehenden Menschen die private Sphäre, in die der Arbeitgeber weder eingreifen kann noch darf. Zu dieser privaten Sphäre, die nicht zuletzt auch durch das Grundrecht der freien Entfaltung der Persönlichkeit geschützt wird, gehört auch, wie jemand sein Äußeres, also auch speziell die Haartracht, gestaltet. Nach der obigen Definition kann der Arbeitgeber daher unter dem Gesichtspunkt des Weisungsrechts in bezug auf die Haartracht seiner Arbeitnehmer nur solche Anordnungen treffen, die unmittelbar mit dem Arbeits- oder Berufsausbildungsverhältnis zusammenhängen. Er kann also bei Gefährdung des einzelnen (Arbeit an offen laufenden Maschinen mit der Gefahr, an den Haaren erfaßt und mitgezogen zu werden; Gefahr des Überhörens von akustischen und des Übersehens von optischen Warnsignalen wegen Behinderung durch die Haare), bei Gefährdung anderer (Gefährdung der Hygiene im Betrieb durch eine Ungeziefer beinhaltende Haartracht; Einhaltung von Normen des Lebensmittelrechts in einschlägigen Betrieben) und auch bei einer spürbaren Beeinträchtigung seines. Geschäftsbetriebes (Beschäftigung eines Arbeitnehmers mit langer Haartracht in einem Geschäft oder Lokal mit einer Kundschaft, die eine derartige Haartracht überwiegend ablehnt mit der Folge des Verlustes dieser Kundschaft) Anordnungen betreffend die – grundsätzlich zur privaten, nicht zur beruflichen Sphäre gehörende – Haartracht seiner Mitarbeiter treffen und deren Nichtbefolgung trotz Abmahnung mit der Kündigung beantworten.

Etwas anderes würde nur dann gelten, wenn ein allgemeiner Konsens der Bevölkerung der Bundesrepublik darüber bestehen würde, daß Männer und männliche Jugendliche ihre Haare kurz, Frauen dieselben dagegen lang zu tragen haben (ein solcher Konsens besteht zum Beispiel bezüglich der männlichen Beinbekleidung, den Hosen). Ein solcher Konsens bezüglich der männlichen Haartracht ist jedoch nicht festzustellen: Wie an Hand von Abbildungen aus vergangenen Jahrhunderten festzustellen ist, wechselte die männliche Haartracht in Mitteleuropa ständig; sie war überwiegend lang (Beispiel: Dürerselbstbildnisse), umfaßte im 17. Jahrhundert die sog. Allonge-Perücken, bestand im Zeitalter Maria Theresias aus weiß-gepuderten Perücken mit Zöpfen daran, und auch dem 19. Jahrhundert waren lange Haare beim Mann nicht fremd, wie Bildnisse zum Beispiel des Juristen und Geschichtsforschers Theodor Mommsen (1817–1903) und des Komponisten Franz Liszt (1811–1886), um nur zwei bekannte Persönlichkeiten zu nennen, beweisen. Nicht selten traten hierzu mehr oder weniger erhebliche Bärte.

Im beginnenden 20. Jahrhundert kam dann die kurze männliche Haartracht auf; diese Modeströmung, die ihre Herkunft durch die Bezeichnungen des „militärisch kurzen“ und des „Offiziers“-Haarschnitts verrät, dauerte etwa bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Natürlicherweise hält ein sehr erheblicher Teil der in jenen Jahren groß gewordenen Generation, die heutige „ältere Generation“, diese männliche Haartracht für die einzig richtige, woraus sich letztlich auch Rechtsstreite, wie der vorliegende, erklären. Demgegenüber ist aber festzustellen, daß sich – jedenfalls bei der Jugend – seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges eine Tendenz zu längeren Haupthaaren auch beim Mann durchgesetzt hat, die sich – unter dem Einfluß in- und ausländischer Mode-Idole – gerade in den letzten Jahren verstärkt bemerkbar gemacht hat. Es ist dabei festzustellen, daß keineswegs nur außerhalb der Gesellschaft stehende Jugendliche (wie zum Beispiel sog. Gammler) dieser Mode frönen, sondern auch die ganz überwiegende Mehrheit der in der Gesellschaft mitarbeitenden Jugendlichen. An dieser Tatsache kann weder ein Arbeitgeber noch das Gericht vorübergehen.

Auf den Fall des Klägers bezogen ist festzustellen, daß unter dienstlichen Gesichtspunkten das Verlangen der Beklagten nach Kürzung der Haare des Klägers nicht gerechtfertigt war und ist: Seine Frisur läßt Augen und Ohren frei, behindert ihn also nicht bei der Arbeit. Auch mit gefährlichen, offen laufenden Maschinen kommt er als Bürogehilfenanlernling nicht zusammen.

Wie sich das Gericht durch Augenschein überzeugen konnte, ist die Frisur des Klägers – wie übrigens auch seine Gesamterscheinung – hygienisch gepflegt und hält sich, was die Länge der Haare anbelangt, durchaus im Rahmen dessen, was heutzutage an Haartracht bei männlichen Jugendlichen üblich ist. Es ist eine Klischeevorstellung, daß lange Haare beim Mann (offenbar anders als bei der Frau) „unhygienisch“ seien. Es kommt vielmehr darauf an, ob sie gepflegt sind; das aber ist beim Kläger der Fall.