Eine Journalistin, die im vergangenen Jahr mit dem Luxusschiff MS „Europa“ eine Mittelmeerkreuzfahrt unternahm, notierte in ihrem Bericht diese Randbemerkung: „Einmal landete ich im Spital. Das war auch ganz hübsch, sie haben da ein richtiges kleines Krankenhaus, mit OP und Röntgenstation und allem, was dazugehört, natürlich auch Schwestern und einen Schiffsarzt, keinen alten, wie das sonst auf den Schiffen üblich ist, nein, einen ganz jungen und sehr feschen.“ Der fesche Mediziner heißt Michael Kolwes, ist heute 30 Jahre alt und schon längst kein Schiffsarzt mehr. Im vergangenen Sommer musterte er bei der „Europa“ ab und arbeitet heute als Krankenhausarzt in Essen.

Wie wird man Schiffsarzt? Nach Studium und Examen bewarb sich Michael Kolwes „aus einer augenblicklichen Laune heraus“ bei der Reederei Hapag-Lloyd als Schiffsarzt. Er wurde eingestellt. Etwa ein Jahr lang kreuzte und heilte Michael Kolwes auf der „Europa“ zwischen Bremerhaven und New York und in der Karibischen See.

Welche Krankheiten treten an Bord eines Schiffes am häufigsten auf? Kolwes: „Primär natürlich Seekrankheit, oft schon bei ganz ruhiger See – das ist psychisch bedingt. Dann kommen Folgen der Überfressenheit, des Klimawechsels, des übermäßigen Alkoholgenusses. Weiter behandeln Schiffsärzte häufig Erkrankungen der Atemwege und Herzerkrankungen.“ Herzkrankheiten treten an Bord so häufig auf, weil vorwiegend ältere Menschen auf Kreuzfahrt gehen.

Während einer sechsmonatigen Reiseperiode in der Karibik meldeten sich insgesamt zweieinhalbtausend Patienten im Schiffshospital bei Dr. Kolwes. Von ihnen wurden 120 stationär behandelt, zwanzig mußten in eines der beiden „Intensiv-, Pflegebetten“ umziehen (alle zwanzig gingen übrigens wieder lebend an Land). Außerdem waren 44 kleinere und mittlere operative Eingriffe nötig, sogar 30 Zahnbehandlungen. Kolwes hat zwar nicht Zahnheilkunde studiert, aber „das Nötigste habe ich mir von meinem Haus-Zahnarzt in einer Stunde beibringen lassen“.

Wer zahlt die Kosten für die Krankenbehandlung an Bord? Kolwes: „Alle Krankheiten, die der Passagier an Bord erwirbt, werden gratis, auf Kosten des Reeders, behandelt. Das gilt natürlich für Seekrankheit, für verdorbene Mägen, für Grippe und ähnliches. Erkrankungen aber, die an Land ihren Ursprung haben und auf See weiterbehandelt werden müssen, dürfen vom Schiffsarzt liquidiert werden nach den normalen bundesdeutschen Liquidations-Vorschriften.“ (Das ist nicht überall so. Auf manchen Kreuzfahrtschiffen muß jede ärztliche Leistung bezahlt werden.) Krankenscheine freilich werden an Bord keines Kreuzfahrtschiffes angenommen. Michael Kolwes hat als Schiffsarzt ganz gut verdient. Vom Reeder erhält der Schiffsarzt dafür, daß er Mannschaft, und Passagiere betreut und behandelt, ein Monatssalär von rund 2000 Mark.

Oft muß der Schiffsarzt schwierige Entscheidungen treffen. Etwa: Kann es verantwortet werden, einen Kranken weiter mitzunehmen, oder muß man ihn unterwegs an Land absetzen? Ist das Krankenhaus an Land besser ausgerüstet als die schiffsärztliche Station? Kann man es dem Patienten zumuten, in der für ihn fremden Umgebung zurückzubleiben, wo er unter Umständen nicht einmal, die Sprache versteht? Kolwes verzichtete während seines Schiffsarztjahres nur einmal, auf die Behandlung an Bord: In Ariba, auf den Niederländischen Antillen, ließ er einen 67 Jahre alten Amerikaner zurück, der an akutem Herzversagen erkrankt war und dazu ein Nierenleiden hatte. Fünf Minuten vor Abfahrt der „Europa“ entschied sich Kolwes, den Patienten im Krankenhaus von Ariba zurückzulassen. Als das Schiff sechs Wochen später den gleichen Hafen wieder anlief, war der Amerikaner gerade gestorben.

Was passiert, wenn der Schiffsarzt selber krank wird? Michael Kolwes: „Ich war einmal krank, Lungenentzündung. Mein Team – ein Heilgehilfe und zwei Krankenschwestern – hat die Behandlungen weitergeführt. Das klappte deswegen so gut, weil ich erstens ein sehr gutes Team hatte und zweitens, weil ich für die häufigsten Krankheiten schriftliche Behandlungsprogramme angefertigt hatte. Für ganz wichtige Fälle bin ich einmal am Tag angezogen und in das Behandlungszimmer hinuntergeführt worden. Dort habe ich Therapie-Ratschläge gegeben. In sehr ernsten Fällen hätte aber jederzeit ein Kollege aus New York eingeflogen werden können.“