Alle Städte am Mittelmeer sind Schauplätze der Bilder und Bücher, die wir, als Kind, schon mit der Taschenlampe im Bett, und dann, immer anspruchsvoller, gesehen und verschlungen haben. Es gibt entsprechend viele Vorstellungen. Griechenland samt seinen Häfen ist heute mit dem Image der Generale verbunden. Noch für eine etwas ältere Generation war es die Winkelmannsche, die Goethesche und neuhumanistische Glorie von Hellas.

Oder Spanien: Heute Torremolinos, Marbella und die Klage von Peter Neckermann, der Sorge äußert hinsichtlich des Bauboomes im Mittelmeerraum, wo ohne Abstimmung Betonsilos und Hotelkapazitäten entstehen, von denen man nicht weiß, ob sie ein Mißverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage schaffen und zwangsläufig Unruhe auf den Markt bringen. Schon ist die Diagnose von der gefährlichen Erkrankung des Mittelmeeres durch Umweltverschmutzung gestellt (am gefährlichsten in der Region der französischen Riviera und in der Adria zwischen Venedig und Triest). Für eine ältere Generation war das Bild von Spanien noch durch den spanischen Bürgerkrieg und die Bücher Hemingways geprägt, waren das andalusische Bergnest Ronda, Pamplona und Barcelona im Gespräch.

An der Südküste Frankreichs ist heute St.-Tropez tonangebend und schon nicht mehr. Die Küste wird jeden Tag häßlicher. Eine fast geschlossene Betonkette am Meer und dahinter drei Autostraßen mit rasendem Verkehr. Die Hauptstadt der Côte d’Azur, der blauen Küste von Genua bis Marseille, ist immer noch Nizza. Die Stadt existiert aus eigenem Recht und nicht nur auf Grund des Fremdenverkehrs. Sie zieht heute nicht mehr, wie vor siebzig Jahren, die Aristokratie und die elegante Welt, vornehmlich aus England und Rußland, an, sondern Rentner, Beamte und Geschäftsleute aus Frankreich, die hier arbeiten oder sich zur Ruhe setzen. Der Flugplatz ist nach Orly und Le Bourget der beschäftigtste im Land. Auch die Fremden kommen noch, wenig Deutsche darunter, die doch sonst überall sind.

Während ich im Café des Negresco-Hotelpalastes sitze und der Regen die Promenade des Anglais peitscht, habe ich Zeit, die Lehre zu bedenken, daß es auch am Mittelmeer eine vergleichsweise „winterliche“ Situation gibt. Aber nur kurz: Es ist warm, der nordische Nebel, die Kälte vergessen, die Sonne bricht schnell immer wieder durch, leuchtet befreiend hell, Meer und Himmel im blauesten Blau, reich nuanciert. Bald ird die Ruhe wieder der Hektik der langen Sommersaison weichen, werden auch die Vögel wieder in den Lorbeerbäumchen lärmen, die jetzt dunkel und stumm dastehen. Bald werden die-Mandelbäume blühen, wird der Karneval beginnen und das Vergnügen sich bis zur großen Bluenschlacht im Mai permanent fortsetzen, komerzialisiert auch hier, aber voller ausgelassener Lebensfreude.

Joie de vivre – hier ist das Wort zu Hause, Bald werde ich aufbrechen und wieder Picassos undervolles antikisches Bild mit diesem Titel im hloß Grimaldi von Antibes betrachten. Mehr Mensch sein – in dieser sanften Hügellandschaft es leicht.

Nicht mehr an der Küste, aber in den Falten der Alpes Maritimes, auf Hügelkuppen und in älern des alten mediterranen Landes nisten die ünstler, die Natur und kreative Einfachheit suchen. Nicht nur die großen alten wie Picasso ld Chagall, auch junge französische, tschechische, polnische und deutsche Maler, Bildhauer und öpfer. Für die Künstler wie für die wenigen Besucher, die den Weg hierher finden, sind nicht die Hotelpaläste und Kasinos die Magneten, vielehr die einzigartigen Museen und Kunstmanirestationen. Einer sagte: „Was für die Christen Bethlehem, ist für mich diese Küste.“ Er kennt alle provenzalischen Kapellen, die in den letzten Jahren ausgemalt wurden, seit die Fischerei hier immer unbedeutender wurde und die Fischer nicht mehr beten gingen, ehe sie ausfuhren. Im Fischernest Villefranche bei Nizza malte Cocteau biblische Jünglinge in dünnen Farben an die Gewölbe. Matisse stiftete die neue Kapelle in Vence. Picasso brachte sein Bild „Krieg und Friede“ in der Kapelle von Vallauris an „für alle, die die menschliche Situation neu überdenken wollen“. Braques Glasfenster verwandelt die Kapelle der Fondation Maeght in St. Paul in einem mystischen Raum.

Wenn auch die Hafenstadt Nizza in ihrem ganzen italienlach franzosischen Wesen mehr eine Stadt zum Wohmen als zum Besichtigen von Sehenswürdigkeiten ist, das elf Meter lange kostbare Mosaik „Die Botschaft des Odysseus“, das Chagall der juristischen Fakultät der Universität schenkte, sollte man ebenso suchen wie die Erinnerungsstätte für Matisse im Archäologischen Museum auf der Anhöhe Cimiez mit der ausgegrabenen römischen Arena. Hier oben ist der Maler auch begraben unter einer Zypresse hoch über dem Meer, außerhalb des engen Friedhofs, auf dem Raoul Dufy seine letzte Stätte fand. Da ruht der große Matisse nun selbst, der einmal ironisch scherzend sagte, daß seine Malerei wie ein Lehnstuhl sein soll, in dem der müde Mensch seine Ruhe findet. Schon von weitem leuchtet in Boit an dem Museum, das die gegenwartsnahen Léger-Bilder beherbergt, die starkfarbige Keramikstirnwand, und im Cagnes-Sur-Mer hält ein Haus die Erinnerung an Renoir wach. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die wir nicht bewältigen, wenn wir die Vergangenheit nicht kennen, greifen hier ineinander und werden die Côte d’Azur immer anziehend machen, anders als manchen Massenpferch am Mittelmeer und anderswo.