Die Meutereien in den Gefängnissen Amerikas, Frankreichs und der deutschen Bundesrepublik haben allgemeines Aufsehen erregt. Da ist es wichtig, denen zu widersprechen, die an „Kettenreaktionen“ glauben und meinen, solange Sträflinge in Zeitungen lesen oder an Rundfunkapparaten hören dürften, in anderen Gefängnissen sei es zu Aufständen gekommen, müßten die Kerkermeister überall auf allerhand gefaßt sein. Schlechte Beispiele verdürben auch im Knast die guten Sitten.

Diese Anschauung, die oft von Strafvollzugsbeamten vertreten wird, ist falsch. Wahr ist, daß solch eine Nachricht von Rebellionen, die doch nur fürchterliche Folge für die Rebellen haben, nicht nur anregt, sondern auch abschreckt. Es gleicht sich aus.

Die Ursache, daß die Gefangenen sich zu offener Empörung hinreißen lassen, liegt im wesentlichen an der Art des Strafvollzugs selbst. Solange in Amerika gewisse Gefangene nur deshalb, weil ihre Hautfarbe schwarz ist, mehr leiden müssen als andere, kann es keine Ruhe geben. Und solange es in den französischen zum Teil unheizbaren Zellen mehr Gefangene als „Betten“ gibt, können die Beamten auf Revolten gefaßt bleiben.

Und was die westdeutschen Gefängnisse betrifft: auch hier deutet allein schon der Umstand, daß die einen strenger und mehr gefürchtet, die anderen milder und leichter enträglich sind, auf eine höchst problematische Seite des Strafvollzugs hin. Gefängnis ist nicht gleich Gefängnis. Und nicht allein der Richtersondern auch das Gefängnispersonal setzt Strafmaß fest, sei es auch unbewußt.

Diese Tatsache ist schandbar. Und nicht nur deshalb, weil auch Untersuchungsgefangene, deren Schuld oder Unschuld noch nicht erwiesen ist, und andere Insassen betroffen sind, die schlechthin nicht in die Kategorie „Verbrecher gehören“ Es leidet die Gerechtigkeit an sich.

Nicht alle Menschen sind in gleicher Weise für das Gefängnisleben begabt: diejenigen, denen in Gerechtigkeit etwas liegt, sind es am schlechtesten, die Zyniker offensichtlich am besten. Daß langes Gefängnis zynisch macht, trifft übrigens für beide Teile zu: für die Gefangenen wie für ihre Warten – Bietet sich aber ein Weg aus dieser Misere?

Zwar ist es übertrieben zu sagen, menschliche Wärme, wäre sie ein Charakteristikum bei den Wärtern, würde unheizbare Zellen selbst im Winter wohnlich machen. Indes scheint mir, daß wir dem Gefängnis noch am ehesten auf die Spur kommen, wenn wir uns an die Zeit erinnern, da es zum allgemeinen Schicksal der Deutschen (wie vorher der Franzosen) gehörte, hinter Gittern oder dem Stacheldraht der Kriegsgefangenenlager zu sitzen. Die Erfahrung des Wachmannes nützt da leider nichts. Man muß schon selber hinter den Gittern gesessen haben: Nur so wird man klüger, wird man „menschlicher“ im Umgang mit, Gefangenen. Dort, wo heute in den Gefängnissen die Luft sich mit Explosivstoffen anreichert, fehlen Wärter, die selber „Insassen“ waren;

Was hindert eigentlich die hohe Justizbehörde oder die Parlamente an dem Vorschlag, daß jeder, der Richter werden und andere zum Sitzen verurteilen will, erst einmal selber „einsitzen“ müsse, daß ferner jeder, der mit dem Schlüssel rasseln will, zunächst in eigener Person hinter der Zellentür hausen sollte? Gefängnis, einmal nicht als Ort der Bestrafung, sondern der Erfahrung?