Während in der Bundesrepublik Auseinandersetzungen und Aktionen um das modifizierte Abtreibungsgesetz anhalten, haben SED-Politbüro und DDR-Ministerrat Ende letzten Jahres beschlossen, die Schwangerschaftsunterbrechung bedingt freizugeben. Danach können die Frauen in den ersten drei Monaten nach der Empfängnis entscheiden, ob sie einen Abort machen lassen wollen. Zu einem späteren Zeitpunkt darf ein Eingriff nur in besonderen Fällen, etwa bei Gefahr für das Leben der Mutter, vorgenommen werden.

Die Liberalisierung auf einem so umstrittenen Sektor des sozialen Lebens überrascht um so mehr, als ja die ungünstige mitteldeutsche Bevölkerungsstruktur ein solches Gesetz nicht erwarten ließ. Wie einer Sendung des Ostfernsehens zu entnehmen ist, begrüßen die Frauen in der DDR diesen Schritt. Es liegt der SED mit der bedingten Freigabe der Schwangerschaftsunterbrechung freilich fern, die Abtreibung zu propagieren. Als Mittel der Familienplanung wird vielmehr auf die „Wunschkindpille“ verwiesen. Immer auf Abgrenzung bedacht, meiden Mediziner und Journalisten die Bezeichnung „Antibabypille“.

In diesem Zusammenhang ist ein Beitrag des DDR-Fernseh-Magazins Prisma aufschlußreich. Darin heißt es: „Wir gehen davon aus, daß die sexuellen Beziehungen eine wichtige Seite der Persönlichkeitsbeziehungen sind, daß die Frau in Liebe und Ehe das gleiche Recht auf Glück hat wie der Mann. Wir gehen ferner davon aus, daß – entsprechend unserer sozialistischen Moral – die Beziehungen zwischen den Geschlechtern nichts mit sexueller Askese oder moralischer Prüderie zu tun haben. Unsere Moral bejaht das sinnliche Erleben in der körperlichen Vereinigung. Und wir gehen weiter davon aus, daß die sexuelle Partnerschaft ihre moralische Rechtfertigung nicht erst findet als eheliche Beziehung oder erst, wenn sie auf die Fortpflanzung gerichtet ist.“

In der Magazin-Sendung kam der Gynäkologe Dr. v. Zenker zu Wort: „Wir haben die Pille am Anfang sehr propagiert und haben die meisten Vorbehalte ausgeräumt. Es gibt jedenfalls keinen Grund, der Pille gegenüber besorgt zu sein.“ Und der Sozialhygieniker Professor Dr. Melan ergänzte: „Mit der Wunschkindpille ist eine neue Ära auf dem Gebiet der Schwangerschaftsverhütung begonnen worden, eine Ära von weltweiter Bedeutung. Zum ersten Male ist es in der Geschichte der Menschheit gelungen, die Zeugung von der Sexualität zu trennen und damit die Probleme der sexuellen Befriedigung in einer Weise zu lösen, die die Harmonie in der Ehe gewährleistet. Die Frau hat Freiheiten erhalten, die sie noch nie zuvor realisieren konnte. Die Pille befreit die Frau von der Angst vor einer ungewollten Schwangerschaft, vor einer Frühehe, vor einem legalen Abort oder einer Abtreibung. Sie befreit die Frau von der Bevormundung des Mannes. Es war ja jahrhundertelang so, daß der Mann im wesentlichen bestimmte oder bestimmen konnte, wann eine Schwangerschaft eintreten sollte. Die bisherigen Mittel der Schwangerschaftsverhütung waren vorwiegend davon abhängig, daß der Mann sie benutzte. Erstmalig ist es nun möglich, daß die Frau einen direkten Einfluß ausübt.“

Vor einer Verschreibung der konzeptionsverhütenden Mittel an Jugendliche soll ein klärendes ärztliches Gespräch geführt werden. Es wird ausgeführt, es sei besser, sich mit den jungen Menschen in Beratungsstellen auszusprechen, als von vornherein Ablehnung zu äußern.

Dennoch bleibt das Wachstum der Bevölkerung Anliegen des Staates. Dazu hieß es in der Sendung des Ostfernsehens: „Natürlich wollen wir den Willen zum Kind fördern. Das steht nicht im Widerspruch zur Pille, die nur ein Mittel auf begrenzte Zeitdauer ist, eine ungewollte Schwangerschaft zu verhindern. Darum sprechen wir bei uns in der DDR ja auch von Wunschkindpille und nicht von Antibabypille, damit die Frauen nur erwünschte Kinder bekommen. Erwünschten Kindern geht es meistens nachher auch besser als unerwünschten.“

Über die Vorstellungen zum Umfang der Familienplanung in der sozialistischen Gesellschaft ist von Professor Melan zu erfahren: „Die Gesellschaft hat ein Interesse an ihrer Reproduktion, dazu brauchen wir zwei bis drei Kinder, und wir stellen auch das Leitbild einer Zwei-bis-drei-Kinder-Familie auf. Das bedeutet aber keine normierte Reproduktionsauflage. Es bleibt dem einzelnen überlassen, die Zahl der Kinder selbst zu bestimmen entsprechend den Bedürfnissen und Wünschen. Schwangerschaftsverhütung und Wille zum Kind sind eine dialektische Einheit. Es sind zwei Seiten einer Münze. Wir müssen beide Seiten richtig sehen. Die Kenntnisse über Schwangerschaftsverhütung müssen weiter verbreitet werden und Allgemeingut aller Bürger unserer Republik werden.“