Mit dem Besuch des sowjetischen Außenministers Gromyko in Tokio hat Moskau am Wochenende nach fünf Jahren Unterbrechung die ursprünglich für jedes Jahr vereinbarten Konsultationen mit Japan wieder aufgenommen. Tokio knüpft an Gromykos Besuch weitgehende Hoffnungen.

Bislang waren die wirtschaftlichen Beziehungen zwar gut (für 1971–1975 ist ein Handelsvolumen von 3,4 bis 4 Milliarden Rubel geplant, darunter größere gemeinsame Projekte in Ostsibirien), doch die politischen waren schlecht. Aber nachdem Nixon seine Peking-Reise angekündigt hatte, entdeckte Moskau plötzlich den „Nachbarn Japan“. Die Bereitschaft zur Annäherung verstärkte sich mit der Verschärfung des sowjetischchinesischen Gegensatzes.

Ein Friedensvertrag zwischen Tokio und Moskau scheiterte bisher an der strikten sowjetischen Weigerung, die 1945 besetzten südlichen Kurilen-Inseln Etorofu, Kunashiri, Shikotan und die Habomai-Gruppe zurückzugeben, obwohl die Sowjetunion den japanischen Anspruch auf Shikotan und Habomai anerkannt hat. Die Rückerstattung wurde aber von einem Friedensvertrag abhängig gemacht, dessen (wechselnde) Bedingungen Tokio bislang nicht akzeptieren wollte.

Aber nach der japanisch-amerikanischen Vereinbarung über die Rückgabe Okinawas und den außenpolitischen Erfolgen Pekings hofft Japan auf ein Einlenken Moskaus. Die Volksrepublik China hat in der vergangenen Woche ihren propagandistischen Kampf gegen die Sowjetunion intensiviert und noch heftigere Anklagen Moskaus provoziert. Für Peking ist Gromykos Besuch in Japan ein Beweis, daß Moskau die Volksrepublik einkreisen will.