„New York Party“, Roman von Pierre Bourgeade. Dies ist ein ganz wüstes, widerliches, verkommenes und eitles Buch (und natürlich auch eins mit deftigen Kolportagen), und man merkt, daß es genauso ein wüstes, widerliches, verkommenes und eitles Buch werden sollte; nämlich ein Buch über Attica und Rassenkrawalle, über LSD und Bonnie und Clyde, über Sex und weiße Frauen und schwarze Männer. „Salut, New York... Salut, ausgekippte Mülleimer.“ Von Henry Millers Eros der Großherzigkeit ist hier nichts mehr zu sehen, zu hören und zu greifen. Sieben Kapitel, siebenmal New York: von Manhattan über Bronx und Harlem nach East End. Deep End End. „Harvard-Absolventen, die schon jetzt ihre zweihunderttausend Dollar wert sind, zittern an allen Gliedern und verströmen für sie ihren eisgekühlten Samen, während sie splitternackt über die Rampe schreitet, eine rosige Riesenqualle, näherkommt und ihrerseits ihre Mysterien über ihnen ausgießt, denn sie ist Amerika, der lebende Schoß, die große Nährmutter, das unverwüstliche Zuchtschwein.“ Dies ist ein (vor-)letzter Abgesang auf die Zeiten, in denen Walt Whitman, der alte, gescheite, gutmütige, großmäulige Tramp, noch durch die Welten wanderte und das Lied von der Demokratie sang. Daß einem dabei nicht ganz wohl ist, liegt auch daran, daß der Autor sich immer mal wieder mehr auf Stil als auf analytische Intelligenz verlassen möchte. (Aus dem Amerikanischen von Rolf und Hedda Soellner; Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 158 S., 20,– DM) Christian Linder

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„Mein Vater der Rabbi“, von Isaac Bashevis Singer. Auf englisch hieß dieses Buch „In My Father’s Court und im jiddischen Original „Beth Din“, wörtlich etwa: Haus der Gerechtigkeit – und das war der passendste Titel. Die Erinnerungen des Schriftstellers an seine Jugend im jüdischen Viertel Warschaus und in einer polnischen Kleinstadt bieten nicht nur ein Porträt des frommen und gerechten Rabbis, der Singers Vater war. Sie sind das Porträt eines ausgerotteten Volkes, seiner Sitten, seiner Philosophie, seiner Gesetze, seiner Auffassung von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit. Und sie sind das Porträt des Schriftstellers, der vor diesem geistigen Hintergrund aufgewachsen war und sich mit ihm identifiziert und zugleich auseinandersetzt. Die Schicksale der Menschen, die er im Gericht seines Vaters kennengelernt hat, lieferten Singer Material für seine Bücher. Viele Kapitel dieser Erinnerungen sind kurze, sehr kondensierte Romane, die anderen Zeugnisse einer Kultur, die es in Europa nicht mehr gibt. Es ist eine interessante und nicht immer leichte Lektüre. Die doppelte Übersetzung – auf Wunsch des Autors stützt sich die deutsche Ausgabe auf die amerikanische Buchfassung – und die Tatsache, daß Isaac Bashevis Singer, 1904 geboren, schon seit 1934 in den USA lebt, führten dazu, daß die polnischen Ortsnamen ungenau wiedergegeben sind. In diesem Fall ist das aber ungefähr so wichtig wie bei den Namen der ausgegrabenen assyrischen Städte. (Aus dem Amerikanischen von Otto F. Best; Rowohlt Verlag, Reinbek; 314 S., 26,– DM) Gabriel Laub