Von Egbert Hoehl

Der Debüt-Roman von Alan Sillitoe, „Samstagnacht und Sonntagmorgen“, erschien Ende der fünfziger Jahre. Damals bekundeten die angry young men ihren (aus heutiger Sicht recht larmoyanten) Protest gegen Kulturspießertum und soziale Stagnation hauptsächlich von der Bühne herab. Neben John Osborne, John Arden, Arnold Wesker, Shelagh Delaney, Harold Pinter, John Whiting und dem Iren Brendan Behan nahm sich die erzählende Literatur sehr dürftig aus. Als Hauptwerke der sozialkritischen neuen Prosa galten so unbedeutende Romane wie „Lucky Jim“ von Kingsley Amis, „Hurry On Down von John Wain und „Billy Liar“ von Keith Waterhouse.

Einzig John Braine („Room at the Top“) und Alan Sillitoe überzeugten – literarisch wie durch soziologische Einsichten: Braine als moralistischer Analytiker, Sillitoe als agitierender Erzähler, als moralisch wenig gehemmter Chronist einer Proletarierexistenz, die dann allerdings zu kleinbürgerlicher Domestizierung strebt.

Gemeint ist Arthur Seaton aus „Samstagnacht und Sonntagmorgen“. Er und die Protagonisten der folgenden Erzählungen und Romane Sillitoes – der Borstal-Boy Colin Smith aus „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ und der Fabrikarbeiter Frank Dawley aus „Der Tod des William Posters“ – sind über ihre typologische Fixierung, hinaus von Interesse. Sillitoe gesteht ihnen Individualität zu, ausgeprägt nonkonformistische Charakterzüge, die ihre Schwächen absorbieren, die selbst dem indifferenten Leser Sympathie abfordern. Eine der erstaunlichsten Volten in der zeitgenössischen Prosa leistet sich der Langstreckenläufer Colin Smith: Indem er aus Protest gegen die Anstaltsleitung den Sieg verschenkt, verwandelt er Passivität in aktive Rebellion. Das hat – wie aus dem Kontext hervorgeht – wenig mit pazifistischer Symbolik, sehr viel aber mit Zivilcourage und autoritätsfeindlicher Widerstandstaktik zu tun.

Eine weitere Sensibilisierung gelang Sillitoe mit dem 1965 erschienenen Roman (deutsch 1969 bei Diogenes) „Der Tod des William Posters“, einer ebenfalls realistischen Parabel von der Suche nach Freiheit, Melancholische Poesie kommt hinzu, die jedoch die soziale Tristesse nicht romantisch verbrämt. Vor allem überzeugt die Komposition: Die Flucht des Fabrikarbeiters Frank Dawley aus seiner Ehe und proletarischen Umwelt signalisiert wesentliche Veränderungen seiner Bewußtseinslage.

Der Unterschied zwischen diesem und dem neuesten Roman –

Alan Sillitoe: „Ein Start ins Leben“, aus dem Englischen von Günter Eichel und Anna von Cramer-Klett; Diogenes Verlag, Zürich; 500 S., 24,80 DM