Für Biochemiker ist es keine große Überraschung. Dennoch dürfte mit dem, was drei amerikanische Forschergruppen jetzt vollbracht haben, ein weiterer Meilenstein auf dem Wege erreicht sein, der die Menschheit in das biotechnische Zeitalter führt: Phil Leder und seinen Mitarbeitern an den National Institutes of Health, Sol Spiegelman und Paul Marks von der Columbia-Universität sowie einem von David Baltimore am Massachusetts Institute of Technology (MIT) geleiteten Team ist es gelungen, im Laboratorium Gene herzustellen, und zwar Gene von Kaninchen und Menschen.

Mit anderen Worten: Die drei Arbeitsgruppen haben im Reagenzglas elementare Funktionseinheiten menschlichen Lebens entstehen lassen, nämlich Träger der Erbinformation, die den Organismus zur Produktion von rotem Blutfarbstoff veranlaßt.

Noch liegen detaillierte Berichte über diesen experimentellen Erfolg nicht vor – die Arbeiten des Columbia- und des MIT-Teams sollen in der Ausgabe vom 9. Februar der „Nature“ erscheinen.

Die auf den Chromosomen im Zellkern befindlichen Gene ordnen an, welche Substanzen von den verschiedenen chemischen Fabriken (Ribosomen), die sich im Zellplasma befinden, produziert werden sollen. Um diese Produktionsanordnungen den Fabriken übermitteln zu können, werden zunächst „Abschriften“ der jeweils von den Genen getragenen Informationen angefertigt: das sind Moleküle der Ribonukleinsäure (RNS), in deren chemischer Struktur der betreffende Gen-Befehl codiert ist. Die RNS-Moleküle tragen dann ihre Information an die Fabriken, wo die Abschriften abgelesen und die Produktionsanweisungen befolgt werden. Der Informationsfluß in der Zelle verläuft mithin vom Gen über die „Boten-RNS“ zum Ribosom.

Im Frühjahr 1970 aber entdeckten amerikanische Wissenschaftler ein Enzym – Revertase –, das diesen Nachrichtenfluß teilweise umzukehren vermag. Es kann bewirken, daß, veranlaßt von einem Boten-RNS-Molekül, ein neues Gen entsteht, eines, das demjenigen gleicht, von dem die RNS-Botschaft ursprünglich ausgegangen war.

Diese Entdeckung von David Baltimore, Howard Temin und Satoshi Mizitani, über die an dieser Stelle mehrfach berichtet worden ist, versetzte anfangs das Lehrgebäude der Molekularbiologie in Erschütterung. Zugleich aber lieferte sie für manchen bis dahin unerklärbaren Vorgang eine plausible Deutung. So war jetzt zu verstehen, wie eines jener Viren, die als genetische Fracht lediglich RNS-Moleküle in die von ihnen befallenen Zellen bringen, dennoch eben diese Zellen umfunktionieren können, daß sie und ihre Nachkommen fortan ein verändertes, von dem Virus diktiertes Verhalten zeigen. Ein solcher genetischer Eingriff ist nur dadurch zu erklären, daß in die Befehlszentrale der Zelle ein neues, in der Wirtszelle funktionstüchtiges Gen eingeschmuggelt wird. Aber gerade ein solches Gen bringen die RNS-Viren (im Gegensatz zu DNS-Viren) nicht mit. Das Gen also, das als Usurpator in das Oberkommando der Zelle eingeschleust worden ist, kann nur in der Zelle neu entstanden sein. Wie, das wurde mit der Entdeckung der Revertase begreiflich: Dieses Enzym sorgt dafür, daß nach der vom Virus eingeschleppten RNS ein entsprechendes Gen synthetisiert wird.

Die Existenz der Revertase lieferte auch den Schlüssel zur Produktion von Genen im Reagenzglas. Wenn das Enzym die Eigenschaft, die ihm seine Entdecker nachsagen, wirklich besitzt, dann müßte es gelingen, in einem RNS-Revertase-Gemisch Gene wachsen zu lassen.