Von Manfred Sack

Wieviel Möbel braucht der Mensch zum Leben? Er braucht Stuhl, Tisch, Bett und Schrank – aus. Aber wenn er fünfzig Kilometer lang die Stände der ungefähr 1300 Firmen passiert hat, die vorige Woche auf der Internationalen Möbelmesse 1972 in Köln, der größten der Welt, ihre Produkte vorgeführt haben, könnte er an seiner einfachen Rechnung irre werden – oder an dem, was ihm gezeigt, angeboten, aufgeschwatzt wurde. Und da das einfache Bekenntnis der Möbelindustrie, erstens „die vorhandenen Wünsche des Verbrauchers optimal zu befriedigen“, dann aber „neue Wünsche der Verbraucher in bezug auf Einrichtung und Wohnung zu wecken“ ein bißchen brutal klingt, engagiert man sich den Meister Trend.

Trends sind latent immer vorhanden, weil sich Gewohnheiten – auch die des Wohnens – ständig ändern; Trends werden aber, damit sie sich für die Produktion auswirken, forciert, und das geschieht am besten dadurch, daß man sie ideologisch mästet: Und plötzlich wird von zaghaft sich bildenden Trends behauptet, sie bestimmten bereits unsere Gegenwart.

Der Trend, den die Möbelindustrie diesmal so ungemein propagiert, stammt ursprünglich von den Wohnungskritikern, die – im Prinzip mit Recht – bemängeln, daß unsere starr gegliederten und kleinen Wohnungen individuelles Leben verhinderten. Der Vorschlag heißt: ausreichend große Wohnungen zu bauen, die nur nach außen fest begrenzt, im Innern aber variabel sind. Doch während die architektonischen Voraussetzungen noch völlig fehlen, haben die Möbelhersteller vorgearbeitet. Denn da es ihnen, wie sie sägen, darum geht, „sich vom frei verfügbaren Einkommen“ (der Bevölkerung) „einen angemessenen Teil zu sichern und ihn nach Möglichkeit auszuweiten“, verlangen sie nun von den Bauherren und Architekten ungestüm, „endlich von dem mittelalterlichen Kammersystem wegzukommen“, so sagte es der Möbel-Verbandsvorsitzende Dr. Thome. Und von seinem Kollegen Wolf Brecht stammt der Satz, „daß modische Tendenzen auch in der Möbelindustrie vonnöten sind“.

Dies jedenfalls sollte man schon im Ohr haben, wenn nun von den neuen Trends die Rede ist. Von einigen Firmen weiß man, daß sie sich längst Gedanken über eine praktische Variabilität beim Wohnen gemacht und zum Teil hervorragende Kastenmöbel-Systeme entwickelt haben; von anderen Firmen sah man diesmal in Köln hingegen manche seltsame Bemühung um die sogenannte Mobilität des Mobiliars. Das ist übrigens nicht unbedingt ein Pleonasmus, wenn man die vielen immobilen Möbel gesehen hat, gewaltige Sesselanlagen mit der Bezeichnung „Sitzraum“ oder „Wohnmulde“, in der sich die Familien lümmeln sollen, weil sie angeblich vie zuviel sitzen. Für solche Platz fressenden Arrangements freilich brauchte man das, was man eine Villa nennt, aber eine richtig große.

Den Trend zum Variieren gibt es also schon eine ganze Weile, nur hat man ihn jetzt formuliert und in die Werbung eingebracht. Die meisten Versuche um solche Möbel bleiben allerdings im Spielerischen stecken: es sind oft Gags.

Am redlichsten widerfuhr die Mobilisierung denjenigen Möbeln, in denen man seine Sachen verstaut: Regale und Schränke, die auf einem Maßsystem beruhen und die variable Verwendung ganz verschiedener Teile erlauben, die man einfach ergänzen oder verkleinern kann, die man an die Wand oder frei in den Raum als „Raumteiler“ stellen kann. Es gibt, so war zu hören, auch schon welche, die den Feuerschutzbestimmungen für Wände genügten.