Die Städte sind interessant geworden. Man beschäftigt sich mit ihnen, untersucht ihre Probleme, lobt oder tadelt sie. Man beschimpft sie auch mitunter und prophezeit ihren baldigen Untergang. Solches ist New York, Los Angeles, Tokyo, Rom, den Städten im Ruhrgebiet oder auch Berlin widerfahren. Gleich zu Beginn dieses Jahres war München Gegenstand einer solchen polemischen Betrachtung.

Alpen-Chikago, Inferno aus Blech und Beton, Weltstadt mit Herzinfarkt, unheimliche Hauptstadt, aseptisches Getto – das sind die wenig schmeichelhaften Schlußfolgerungen solcher Betrachtungen. Und das sind die Tatsachen, die zur Rechtfertigung solch rigoroser Attribute behauptet werden: München sei die Stadt mit den höchsten Lebenshaltungskosten, den teuersten Grundstücken, den unerschwinglichsten Wohnungen, der schmutzigsten Luft, der ödesten Innenstadt, den meisten Krebstoten und den verstopftesten Straßen.

Ein bißchen viel auf einmal, gewiß. Und mandies ist schrecklich übertrieben. Einiges ist auch schlicht falsch. Beispielsweise:

  • München ist durchaus nicht die giftigste Stadt. Sie ist nur die einzige, die die Luftverschmutzung schon kontinuierlich seit 1964 mißt und deshalb über exakte Werte verfügt.
  • München ist sicher auch nicht die schmutzigste Stadt. Die Sauberkeit der Straßen und Plätze wird vielmehr von den Gästen und Besuchern immer wieder gerühmt. Und
  • München ist erst recht nicht die teuerste Stadt. Die Untersuchung, mit der das angeblich bewiesen wurde, war keine vergleichende Darstellung der Lebenshaltungskosten, sondern eine Addition beliebiger Einkaufspreise. Sie zeigte, daß in München etwa Außenbordmotoren und Musikinstrumente teurer, Lebensmittel aber billiger sind als anderswo.

Indes: Einiges ist als Symptom durchaus richtig beobachtet und im Ansatz diskutabel. Nur: Sind das wirklich spezielle Münchner Symptome? Oder sind sie nicht in allen Millionenstädten der Welt zu finden? Das – so meine ich – ist der Kern. Es gibt keine isolierte Münchner Krise – alle Städte befinden sich in einer Krise. In einer Krise, die in vielen Metropolen schon erheblich weiter fortgeschritten ist als in München.

Es ist die Krise der ökonomischen Stadt, und sie besteht darin, daß auch die Städte den Zielsetzungen des Industriesystems unterworfen sind. Auch für sie stellt in der Praxis die Zuwachsrate – besser gesagt das Wachstum der Zuwachsrate; ihr Stagnieren gilt ja vielen schon als ein nationales Unglück – das ausschlaggebende Entscheidungskriterium dar. Alles, was die Zuwachsrate des Sozialprodukts, des Konsums, des Profits steigert, ist gut und geschieht. Alles, was die Zuwachsrate auch nur abflacht, ist schlecht und unterbleibt.

Am deutlichsten tritt dieses Prinzip bei der Konkurrenz mehrerer Nutzungsarten um das gleiche Grundstück hervor. In aller Regel wird sich die Nutzung durchsetzen, die den höchsten Ertrag abwirft und deshalb den höchsten Preis zahlen kann. Die Frage, ob diese Nutzung auch für die Gemeinschaft optimal ist, tritt demgegenüber weit zurück.