Von Heinz Hofmann

Moskau, im Januar

Als Präsident Nixon seine Reise nach Peking ankündigte und die Volksrepublik China Mitglied der Vereinten Nationen wurde, ist die Welt politisch zum Dreieck geworden. Die sowjetische Außenpolitik stellt die Mindestforderung: Das Dreieck Moskau–Peking–Washington muß gleichschenklig und rechtwinklig sein. Die Ziele Moskaus gegenüber den Vereinigten Staaten und der Volksrepublik China lassen sich so heute am einfachsten durch eine ins Politische übertragene Version des Satzes des Pythagoras darstellen: Das Gewicht der Beziehungen zwischen Washington und Peking und zwischen Moskau und Peking muß danach dem Gewicht der Beziehungen zwischen Moskau und Washington entsprechen.

Dem widerspricht nicht, daß Agitation und Propaganda in ein Furioso geraten, je näher der Termin von Nixons Besuch in Peking heranrückt. Die sowjetischen Kommentatoren sind längst über jene Anfangsphase hinaus, in der China beschuldigt wird, „den imperialistischen Feinden in die Hand“ zu arbeiten. Heute wird Peking bereits ohne Scheu der konspirativen Zusammenarbeit mit den Imperialisten bezichtigt. Im übrigen darf freilich die antiamerikanische Propaganda nicht darüber hinwegtäuschen: Auch wenn die Sowjetunion heute versucht, die chinesische Außenpolitik zu konterkarieren, liegt ihr Hauptinteresse immer noch bei den Vereinigten Staaten. Das zeigen unter anderem die Handelsgespräche, zu denen die Regierungszeitung Iswestija schrieb: „Eine normale Entwicklung des sowjetisch-amerikanischen Handels könnte zu einer allgemeinen Verbesserung der Beziehungen zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten beitragen.“

Für die Handlungsweise törichter Kongreßabgeordneter, die glauben, sich in Moskau mehr herausnehmen zu können als in der Bowery, in Bronx oder Harlem, und für Militärattachés, die auf Flugplätzen photographieren, kann die Sowjetführung nichts. Und laut Washington haben die Russen noch stets für Übertretungen der Zwölfmeilenzone durch ihre Schiffe pünktlich die auferlegte Strafe gezahlt. Man sollte also die jüngsten Zwischenfälle nicht überbewerten. An ihnen wird – das erklärt jeder sowjetische Gesprächspartner – der Nixon-Besuch in Moskau nicht scheitern.

Die Ankündigung der Chinareise Nixons hat das sowjetische Drängen zu guten Beziehungen mit den Vereinigten Staaten nur noch verstärkt. Nixons Besuchsankündigung war für Moskau ein Schock. Der sowjetische Gegenzug in Asien zeugt jedoch von der Fähigkeit des außenpolitischen Apparates, schnell zu reagieren. Drei Monate nach der Bekanntgabe von Nixons Reiseplänen legte Moskau der überraschten Weltöffentlichkeit den indisch-sowjetischen Vertrag vor, rund weitere drei Monate später kapitulierten die westpakistanischen Truppen in Dacca. Moskau hatte – mit einem Begleitspiel in der UN – den Chinesen bewiesen, daß auch „sozialimperialistische Papiertiger“ scharfe Krallen haben.

In dieser ersten Runde haben die Volksrepublik China und die Vereinigten Staaten ihre Minuspunkte einstecken müssen. In der zweiten Runde konzentriert sich das sowjetische Interesse, auf Japan. Durch Nixons Peking-Wende in Bedrängnis gebracht, erscheint der Sowjetunion Japan als ein leicht ansprechbarer Partner. Der Besuch des sowjetischen Außenministers Gromyko in Tokio ist nur ein Auftakt für die weitere Intensivierung der sowjetisch-japanischen Beziehungen. Alles wäre einfacher, gäbe es nicht das leidige Kurilen-Problem. Moskau denkt nicht an die Rückgabe dieser Inseln, die ihm Ende des Zweiten Weltkrieges zufielen; Japan aber will nicht auf sie verzichten. Dennoch erscheint dem Kreml ein ausführlicher Dialog mit Tokio nützlich, zumal auch Japan engere Kontakte mit Peking anstrebt.