Wo gibt es das noch hierzulande: daß ein Film seine Sache direkt angeht; daß von der Provinz die Rede ist; daß jemand die Arbeit zeigt, die er kennt; daß jemand die Dinge, die Leute, die Verhältnisse, das Klima, die Landschaft, die blöden liberalen Hoffnungen und die Niederlagen zur Sprache oder richtiger ins Bild bringt, so, wie er sie kennt (und wie wir sie kennen, wenn wir ehrlich sind). Wenn der Zeitungsschreiber Hannes seinen Tisch leerfegt, um Platz zu schaffen für die Schreibmaschine, mehr Platz, als sie braucht; wenn da die Zigaretten liegen und dort die Whiskyflasche steht; wenn er aufsteht, herumläuft, in Büchern blättert und auch sonst alles mögliche tut, um nur nicht weiterschreiben zu müssen – dann sieht das verdammt so aus wie jetzt bei mir, während der Beschreibung einer Szene aus Theodor Kotullas Spielfilm.

„Ohne Nachsicht“ ist ein Film über die Provinz, aus der Provinz. Provinz meint nicht nur Münster, meint nicht nur Westfalen, Architektur und Landschaft. Provinz meint auch Verhältnisse, Bewußtsein, Aktionen. Zwei Freunde, Henry und Hannes, Zeitungsredakteur der eine, „freier“ Mitarbeiter der andere, denken, es mit der Provinz aufnehmen zu können, mit den kleinen Verhältnissen, mit dem engen Horizont in der Ebene. Doch sie ahnen schon, wie sehr sie selbst Provinz geworden oder geblieben sind; ihre Reden sind meist nur Sprüche, ihre Liebesbeziehungen nur Liebschaften, ihre Partys nur bumsfidel, ihre Aktionen ein Schlag ins Wasser, eine Kritzelei im Knabenklo des Droste-Hülshoff-Gymnasiums, ein Leitartikel, der nicht erscheint.

Nur gelegentlich, wenn die Verhältnisse nicht im Spiel sind, brechen sie zum freien Spiel durch: Dann scheint die frostige Landschaft im winterlichen Münster total verändert. Mit Landschaftspanoramen von ausgesuchter Schönheit, mit Fahrten und Schwenks von erlesener Sensibilität scheint auf einmal München über Münster gekommen. Doch die Müncheleien des Wahlschwabingers Kotulla sind von anderer Qualität als die der wertfreien Sensibilisten. Schon die Montage mit Jazz (statt mit Popmusik) läßt die Bilder anders funktionieren, und sie haben einen genauen, berechneten, dienenden Stellenwert im Kontext. Über die Landschaft formuliert Kotulla sein doppelwertiges Verhältnis zur Provinz und zu den Protagonisten, die diese Landschaft sehen.

Das ist ohne Nachsicht gesehen und doch weit entfernt von dem Provinzschimpf, den Ulrich Schamoni mit „Alle Jahre wieder“ (1967) derselben Stadt Münster angedeihen ließ. Kotulla, der die Sache und die untauglichen Versuche, sie zu verändern, direkt angeht, hat die Provinz noch nicht aufgegeben. Das mag man durchaus in doppeltem Sinn verstehen. „Ohne Nachsicht“ hat den Nerv auch für die Provinz in uns, um uns, mit uns. Denn das politische Schicksal dieses Landes – so viel weiß der Film – wird noch immer nicht in Schwabing, sondern in Münster entschieden.

Der Film ist gebaut wie ein Rondo, mit einer Koda am Schluß. Die strenge musikalische Form läßt fast jede Szene ihre Entsprechung finden. Das gibt dem Film Geschlossenheit, teilt ihm aber auch eine gewisse Sprödheit mit. Kotulla ist ein Moralist des Kinos, fast puritanisch: Die Form gebietet überschwappenden Erfindungen Einhalt. Und doch: mehr und souveräner als in Kotullas erstem Film „Bis zum Happy-End“ (1968) gewinnen Details und Verweise freies Spiel über die Quadratur des Films hinaus. Gegen Ende, man sitzt bei einem Western vor dem Fernsehkasten, ist die Rede davon, daß ein Film auf der Kinoleinwand eben doch anders wirke als auf dem Bildschirm, doch daß die Verleiher sich weigerten, einen Film, der schon im Fernsehen gelaufen sei, in ihr Programm zu nehmen. Es ist Winter, wenn Kotullas Winterfilm im Fernsehen läuft; im Herbst soll er endlich ins Kino kommen. Peter W. Jansen

„Ohne Nachsicht“ läuft am 31. Januar im Ersten Programm