Von Ludvik Veselý

Sachlich und nüchtern schrieb er im Herbst 1969 dem Ersten Sekretär der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei, Gustav Husák, daß er auf der „schwarzen Liste“ stehe und daher keine Arbeit finden könne und daß auch seine Frau ihre Tätigkeit an der Prager Universität nicht fortsetzen dürfe. „Ich stehe hier ohne Arbeit und ohne Rechte“, sagte der Historiker Milan Hübl.

Heute ist er einer der 150 jüngst Verhafteten. Er befindet sich in bester Gesellschaft: Vor den Beamten des Staatssicherheitsdienstes stehen auch der Schachmeister Luděk Pachman, der erst vor kurzem aus dem Gefängnis gekommen war, der Journalist Karel Kyncl, der christliche Philosoph Ladislav Hejdänek, der Historiker Tesař und andere. Alle versuchten laut Rade Právo, „mit ausländischer Unterstützung Unzufriedenheit im Volke zu säen und es zur Passivität zu verleiten“.

Die meisten der Verhafteten gehören jener Generation von Intellektuellen an, die nach dem Kriege zwanzigjährig aus Begeisterung und Überzeugung in die KPČ eintrat. Jetzt aber wurden auch ihre Kinder festgenommen. So wurde nicht nur der ehemalige Kreisausschuß-Sekretär Jaroslav Sabata verhaftet, sondern auch seine zwei Söhne (25 und 19), seine Tochter (21) und seine Schwiegertochter. Zur gleichen Zeit kam der Studentenführer Jiří Müller, der 1966 wegen seiner Kritik an Präsident Novotny und wegen seiner Besuche in der chinesischen Botschaft von der Universität relegiert worden war, in Untersuchungshaft.

Milan Hübl, Jahrgang 1927, stammt aus einer tschechischen Familie und besuchte eine slowakische Schule. Nach der Promotion an der Karls-Universität beschäftigte er sich mit dem schwierigen Verhältnis der beiden Völker der ČSSR. Seit 1950 arbeitete er an der Politischen Hochschule des ZK der KPČ als Lehrer, später als Dozent, von 1962 an als Prorektor. Als Experte für die Slowakei wurde er 1962 auch in die Kommission für die Analyse der politischen Prozesse vom Anfang der fünfziger Jahre berufen.

Wie andere Historiker hatte er bis dahin nur Zugang zu den vom Politbüro freigegebenen Dok umenten gehabt, jetzt aber bekam er Einsicht in die Geheimdossiers. „Es kam mir allmählich zum Bewußtsein, was für negative Folgen die neue Verfassung der ČSSR aus dem Jahre 1960 für die rechtsstaatliche Ordnung mit sich gebracht hatte“, schrieb er später. Aus Einsicht in die Dokumente zog er die Konsequenzen und kämpfte in den nächsten Jahren entschlossen für die Gleichberechtigung der Slowaken, aber auch für die völlige Rehabilitierung des wegen des sogenannten „slowakischen bürgerlichen Nationalismus“ verurteilten Gustav Husák. Das paßte den damaligen Machthabern nicht. Hübl wurde 1964 seines Amtes an der Hochschule enthoben. Man warf ihm zwar Fehler in der Kulturpolitik vor, der wahre Grund aber war sein Bestreben, Husák den Wiedereintritt in das politische Leben zu ermöglichen.

Milan Hübl macht sich in der Politik keine Illusionen; bei seinen Freunden war er bekannt als ein nüchterner Realist. Als Historiker lehnte er es ab, die Geschichte nur als Anpassung an die Beschlüsse der Partei zu beurteilen. Die tschechoslowakischen Ideologen empfanden seine Behauptung, daß die Ereignisse der fünfziger Jahre „das Ergebnis einer monströsen Deformation des gesellschaftlichen Lebens waren, die wir uns nur angewöhnt haben, als Personenkult zu bezeichnen“, als Diffamierung der Parteipolitik. Nach Hübls Meinung trugen die Führer der Partei – Klement Gottwald, Kopecký, B. Köhler, Bacílek und andere – die persönliche Verantwortung für die Hinrichtungen. Heute nennt die tschechoslowakische Presse Gottwald wieder den „unfehlbaren Führer“. Die anderen, die im Jahre 1968 aus der Partei ausgeschlossen worden waren, sind vor ein paar Monaten in aller Heimlichkeit wieder aufgenommen worden.