„Kann weg“, meinte eine Hausfrau (in einer Umfrage der Hamburger Welt). Muß weg, entschied die SPD-Fraktion der Bezirksversammlung Hamburg-Mitte (mit 23 eigenen und einer FDP-Stimme gegen zehn CDU- und einen FDP-Abgeordneten). Es ging um die Inschrift eines vor 37 Jahren im Auftrag des Hanseatischen Infanterieregiments 76 errichteten Ehrenmals in der Hamburger Innenstadt: „Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen.“

Zumindest diese Inschrift an dem wuchtigen Quader (etwa zehn mal fünf mal sechs Meter groß) mit dem Relief marschierender Soldaten müsse gelöscht werden, hatte der Antragsteller gefordert. Als man ihm Denkmalstürmerei vorwarf, wurde um eine Nuance milder formuliert: nicht „die Einreißung des Denkmals“ sei das Ziel, wohl aber „Vermeidung von öffentlich zur Schau gestellten Traditionsrelikten“, wie sie auch von der Bundeswehr nicht mehr gebraucht würden. Der Einspruch der Gegenseite, daß die Bundeswehr von ihren Soldaten sehr wohl verlange, notfalls für die Freiheit Deutschlands zu sterben, änderte nichts. Ebensowenig zog das Argument, die Inschrift zeige den Geist jener Zeit und könne eben deswegen, wenn auch in anderem Sinne, noch heute eine Mahnung sein. Es überwog die Furcht, ausländische Besucher des neuen Kongreßzentrums könnten Anstoß nehmen und meinen, daß Vergangenheit hier noch immer nicht bewältigt wurde.

Streit um Denkmäler gibt es, seit Denkmäler aufgestellt wurden. Im 4. vorchristlichen Jahrhundert errichteten die Athener dem Gelehrten und Staatsmann Demetrios von Phaleron, unter dessen Regentschaft der Stadtstaat eine kulturelle Blüte erlebte, 360 Statuen. Als der Regent vertrieben wurde, hat man die Statuen gestürzt. Das ist bis heute das Schicksal politischer Denkmäler. Aber die Frage ist doch, ob Denkmalsstürze helfen, Vergangenheit zu bewältigen oder ob sie nicht vielmehr dazu beitragen, Geschichte zu verfälschen, sie zu verdrängen.

Gewiß ist jenes „Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen“ nicht mehr zeitgemäß. Aber es ist ein fundamentaler Irrtum zu glauben, daß Denkmäler der Vergangenheit für uns noch in demselben Sinne gültig sein müßten, ja es überhaupt sein könnten, in dem sie einst gemeint waren. Auch die Siegessäule in Berlin, die an Preußens Siege von 1864, 1866, 1870 erinnern sollte, ist nicht mehr zeitgemäß. Ebensowenig ist es das Niederwalddenkmal mit seiner „Wacht am Rhein“ gegen die „Welschen“. Und unzeitgemäß ist auch Hamburgs schrecklich kolossales Bismarck-Denkmal, das den „eisernen Kanzler“ (anspielend auf den Rückversicherungsvertrag mit Rußland) mit dem Rücken nach Osten zeigt, während er – gestützt auf sein Schwert – wachsam nach Westen blickt, hinüber zum „Erzfeind“. Um sicherzugehen, daß Besucher aus Frankreich sich durch diesen Bismarck nicht verprellt fühlen, müßte man ihn eine Kehrtwendung machen lassen. Aber kann man Denkmäler nachträglich richtigstellen?

Die Inschrift am Ehrenmal der 76er zu löschen, so zu tun, als habe es sie dort nie gegeben, ist keine Richtigstellung, sondern ist unehrlich, ist Betrug, ist Mangel an Courage, sich zur Geschichte, zu Fehlern und Irrtümern zu bekennen. Statt den Spruch auszuradieren, mit dem Millionen Soldaten in den Krieg geschickt wurden, sollte man eine Ergänzungstafel anbringen; da sollte gesagt werden, daß die Inschrift aus einem Gedicht des Arbeiterdichters Heinrich Lersch stammt; daß Lersch das Gedicht im Jahre 1914 schrieb, als er ins Feld zog, daß er später aber zu einem erklärten Gegner des Krieges wurde, zu seinem Anklagen und daß er dann dichtete: „O Blindheit, o Irrtum! Ketten schmiedeten sie! Mit Ketten schmiedeten sie uns ans Schwert. Alles Schmiedewerk ist Ketten!“

Denkmäler müssen nicht zu stumpfem Gedenken, sie können auch zum Nachdenken anregen. Gerhard Prause