Wenn Staranwalt Jean-Louis Tixier-Vignancourt in den Pariser Gerichtssälen auftritt, dann sind ihm Schlagzeilen sicher. Wenn allerdings der brillante Verteidiger vieler Größen der OAS (Organisation der militanten Algerien-Franzosen) und politische Rechtsaußen in diesen Tagen vor der elften Pariser Strafkammer auftritt, dann wird sich auch sein Mandant nicht über mangelndes Interesse der Öffentlichkeit beklagen können.

Der Angeklagte: André Rives-Henrys de Lavaysse, Abgeordneter des 19. Pariser Arrondissements, Ende November mit Schmach aus der gaullistischen Fraktion der Nationalversammlung ausgeschlossen, Zentralfigur eines Immobilienskandals, der im Sommer 1971 ganz Frankreich in Atem hielt. Und der obendrein nur den Auftakt zu einer Reihe spektakulärer Betrugsfälle bildete.

Ex-Gaullist Rives-Henrys (55) ist angeklagt, mit seinem Abgeordnetentitel unerlaubte Reklame gemacht zu haben. Dafür kann der einstige persönliche Delegierte de Gaulles und Berater des heutigen Premiers Chaban-Delmas bis zu sechs Monaten Gefängnis erhalten.

Ein weiterer Prozeß wegen Betruges gegen den Ex-Generaldirektor mit dem zweifelhaften Adelstitel und den noch zweifelhafteren Geschäftsmanieren steht noch an. Anklage gegen ihn und elf Komplizen: Betrug an 13 000 Sparern. Das scheinbar seriöse Konterfei eines Abgeordneten und die Aussicht auf 10,25 Prozent Verzinsung hatte 13 000 Franzosen veranlaßt, der 1967 gegründeten Immobiliengesellschaft Garantie Foncière mehr als 200 Millionen Francs anzuvertrauen. Doch die Immobilienmanager verhießen zuviel.

Frankreichs zweitgrößter Immobilienfonds zahlte zwar pünktlich seine Zinsen, die Mieteinnahmen aus den Kapitalanlagen reichten jedoch zu ihrer Finanzierung bei weitem nicht aus. So konnten die Zinsen nur durch ständig wachsende Einlagen neuer Kunden bestritten werden.

Auch der in den Büchern der Garantie Foncière ausgewiesene Wertzuwachs an Grundstücken und Häusern war zum größten Teil reiner Bluff. Strohmänner und Scheinfirmen erwarben Immobilien, um sie dann pro forma mit hohen Aufschlägen an die eigene Gesellschaft weiterzuveräußern. In diese dunklen Machenschaften waren so prominente Geschäftsleute wie die Kaufhaus- und Textilkönige Willot verwickelt, vier Brüder mit undurchsichtigen Finanzierungsmethoden.

Von unseriösen Scheinverkäufen machte auch Patrimoine Foncier Gebrauch, Frankreichs viertgrößte Immobiliengesellschaft. Dem Werbeslogan „Steine sind besser als Gold“ folgend hatten mehr als 8500 Sparer ihre Francs eingezahlt. Und auch hier gab es Prügel für die Gaullisten.