Von Wolfram Siebeck

Vor einiger Zeit beschrieb ich an dieser Stelle die wunderlichen Verhaltensweisen meines Briefträgers, der die Vorstellungen seines zuständigen Ministers vom Dienst am Kunden wohl zu genau in die Praxis umsetzte.

Daß nicht alle Briefträger so sind wie er, schrieb mir daraufhin Frau E. aus dem Hessischen. Über ihren Zusteller berichtet sie u. a.: „Er bringt mir die Eier vom Nachbarhof mit, wenn es mir zu stürmisch ist zum Seibergehen. Er beschafft unser Vogelfutter. Er hilft zu Weihnachten beim Basteln unserer Geschenke. Brauchen wir mal einen Gepäckhalter fürs Auto: er bringt ihn. Ist das Auto nicht da für eine Fahrt zur Bahnstation ... er fährt uns ... Er besorgt den Fisch, wenn der Fischmann durchs Dorf kommt...“

Er, das muß ich zugeben, stellt den berühmten Landbriefträger weit in den Schatten, der eine Postkarte mit den Worten ablieferte: „Hier, von Ihrer Tante Gertrud. Sie schreibt, sie kommt heute; den Kuchen habe ich gleich mitgebracht.“

Die Beschreibung des Hessenboten läßt mich allerdings auch vermuten, warum sein hiesiger Kollege so oft erst nachmittags kommt. Wahrscheinlich verbringt er den Tag damit, für meine Nachbarn Eier zu holen, wenn es stürmt; Körner für deren Vögel zu sammeln, Weihnachtssterne und Bastschachteln zu kleben, Gepäckhalter von unbewachten Autos abzumontieren und das halbe Dorf in der Gegend herumzukutschieren. Nur Fische, die gibt’s hier nicht. Dafür warf er einmal eine überfahrene Katze über den Zaun und fragte hoffnungsvoll: „Gehört die Ihnen?“

Kürzlich hat ihn sein Minister, der dynamische Mitarbeiter zu schätzen weiß, zur Bundesbahn versetzt. Dort sorgt er für die Verspätung der Intercity-Züge und schmiert die Käsestullen, die es werktags statt warmer Küche in den Speisewagen gibt. Außerdem macht er die Fahrgäste darauf aufmerksam, daß es sich seit der Fahrpreiserhöhung im Nahverkehr wieder lohnt, mit dem Auto in die Stadt zu fahren. Er hat eine große Karriere vor sich, zweifellos. In zwei Jahren, wenn kein Mensch mehr mit der Bahn fahren wird und alle Postangestellten das Lebersche Pleiteunternehmen verlassen haben, wird er in leichtem Trab vor der bundesdeutschen Autoschlange herlaufen und so die amtlich zugelassene

Höchstgeschwindigkeit angeben; in der rechten Hand den Brief, der pro Woche ausgetragen wird, in der linken das Glückslos mit der Fernsprechnummer des Gewinners, dessen Ferngespräche allen Tücken der Technik und der postalischen Tüchtigkeit zum Trotz vermittelt werden.

Bis dahin aber, liebe Frau E. aus dem Hessenland: carpe diem, wie die alten Lateiner sagten. Die hatten gut lachen; damals war die Post noch nicht in deutscher Hand!