Von Hans Krieger

Alle Macht den Kindern – wer erschräke da nicht! Und nun gar „Kinderindoktrination“? Ganz unverblümt empfiehlt das der Titel eines schmalen Büchleins –

Frances Vestin: „Alle Macht den Kindern“ – Handbuch in positiver Kinderindoktrination; Gerhardt Verlag, Berlin; 121 S., 12,80 DM.

Macht: Ich fürchte, den Titel „Alle Macht den Kindern“ verschuldet der Verlag; das schwedische Original trug ihn nicht. Über Macht schreibt die Autorin: „Macht in die Hand eines Kindes zu legen, das keinerlei ‚gute Erfahrungen‘ gewonnen hat, das nicht entdecken und erleben’ durfte und kein ‚freier Mensch‘ ist, hieße ein Pulverfaß in die Hände eines Gorillas legen. Bestenfalls kommt dabei nur der Gorilla ums Leben.“

Es geht nicht um Macht, es geht um den freien Menschen. Natürlich hat der freie Mensch etwas mit Macht zu tun. Das heißt hier zum Beispiel: „Die Straße gehört uns“, „der Park gehört uns“, oder „besetze leere oder verschwenderisch unausgenutzte Räume und verwende sie als Tagesheime und Kinderläden“. Trotzdem habe ich den Titel auch nach dem Durchlesen des ganzen Bändchens nicht verstanden.

Indoktrination: das tun wir alle, nur nennen wir es anders. Wir indoktrinieren unsere Kinder mit den Werten und Normen der bestehenden Ordnung, damit diese Ordnung erhalten bleibt; Frances Vestin will mit anderen, sozialistischen Werten indoktrinieren, um die Gesellschaft zu verändern. Der Unterschied ist bedeutsam, aber er liegt nicht darin, daß indoktriniert wird, sondern in Ziel und Zweck der Indoktrination. Und natürlich auch darin, daß „Gegenindoktrination“ bewußter Anstrengung bedarf, während systemkonforme Indoktrination so selbstverständlich und unauffällig geschieht, daß wir meist gar nicht viel davon wissen.

Wir blicken in die Kinderstube des „neuen Menschen“. Was wird indoktriniert? Unter anderem: Selbstbestimmung statt Gehorsam, „alles gehört allen“ statt „mein und dein“, Erlebnisfähigkeit (auch erotische) statt Konsum und Besitz, Solidarität statt Fixierung aufs eigene Fortkommen, Gemeinsamkeit statt Wettstreit (auch im Spiel), Leben im Kollektiv mit einer vielfältig abgestuften Skala emotionaler Beziehungen und intellektueller Erfahrungen statt Kleinfamiliengetto, Respektierung der Rechte aller statt Mitleid und Wohltätigkeit, Engagement statt Gewöhnung.